Ich bin immer wieder erstaunt, welche spannenden Biographien Menschen in ihren eigenen Familien finden. Manche Geschichten sind tragisch oder erschreckend, andere faszinierend und erstaunlich, wieder andere sind interessant oder unglaublich. Aber alle haben eines gemeinsam, sie sind auf ihre Art einzigartig. Und wenn ich die Geschichten lese, dann überkommt mich manchmal der Wunsch, die Geschichte meiner Familie aufzuschreiben.
Aber nun zu 'Der schmale Grat der Vernunft'. Kirsti Eline Torhaug hat hier die Geschichte ihrer Onkels verewigt.
Per, ein junger Norweger, hat große Ambitionen, aber die Geschehnisse der Welt werden seinen Lebensweg durchkreuzen. Er hat so große Pläne, er will die Welt bereisen und erforschen. Bevor er diesen Plan jedoch umsetzen kann, landet er in Deutschland in Sachsenhausen.
Die Autorin zeichnet ein genaues Bild seines Aufwachsens, seiner Träume und der dunklen Zeit im Konzentrationslager. Dabei schreibt sie nie sensationsheischend, ja eher nüchtern ohne den jeweiligen Zeiträumen ihren Reiz oder ihre Gräuel zu nehmen.
Per wächst mir schnell ans Herz. Schon die Liebe zu seiner Schwester und der Glaube an sie, vereinnahmen mich. Moa, die so viel mehr sieht, als wir alle zusammen und die diese Welt viel zu früh verlässt. Ich lerne die deutsche Geschichte aus einer anderen Perspektive kennen und bekomme ebenso einen neuen Blick auf die Kriegauswirkungen in Norwegen. Auch das betrachtet Torhaug kritisch.
Erschüttert hat mich, dass eine hoch angesehene norwegische Persönlichkeit, Knut Hamsun, 1920 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet, mit den Nazis kollaboriert hat und später einen Nachruf auf Hitler geschrieben hat.
Ein ruhiges Buch mit einem immensen Nachhall, aus dem ich einiges gelernt habe.