Mittelberge von Kerstin Specht
Verlag : STROUXedition
Der Krieg ist ein Besen. Er hat Leute auseinander- und zusammengekehrt.
Ein Leben auf dem Berg. 1930. Armut, harte Arbeit und eine Familie, die mit dem auskommen muss, was die Natur hergibt.
Jeder muss mit anpacken. Es wird gedroschen, geschlagen, geschlachtet, repariert und gespart. Nicht, weil es besonders schön ist, sondern weil es zum Leben gehört.
Vetter ist Waldarbeiter. Ein schwieriger Geselle, geprägt von der Armut, die schon sein eigenes Leben bestimmt hat.
Bes arbeitet ebenfalls im Wald. Sie ist gütig, naturverbunden und lebt allein. Als ihr Neffe Mattis zu ihr auf den Hof kommt, soll er eines Tages ihr Erbe werden.
Dann kommt Sina.
Mit ihr kommt Leben auf den Hof. Sie kann kochen und backen, bekommt einen Sohn. Doch ein großes Unglück verändert alles. Die Trauer zieht den Berg hinauf und legt sich über das Haus.
Bis Sophie geboren wird.
Dieses Mädchen hat mich ganz besonders berührt. Sie sieht die Welt mit ihren eigenen Augen. Sie fragt Dinge, die Erwachsene längst nicht mehr fragen. Und manchmal steckt in ihren einfachen Sätzen eine Wahrheit, die viel größer ist.
Als ein Dorfbewohner sich am höchsten Balken erhängt, versteht Sophie:., das ist ein schwerer Mut, so was zu tun.
Und als sie von Bes aus Grimms Märchen hört, fragt sie:Wenn die Leute nicht sterben würden, dann gäbs ja zuviel auf der Welt. Wo sollten die denn hin?
Ich mochte diese kindliche Sicht auf die Welt sehr. Sophie nimmt wahr, ohne alles schon einordnen zu können. Und gerade dadurch wird vieles umso eindringlicher.
Da ist auch dieser schwarze Kasten, aus dem die körperlose Stimme des Führers kommt. Sophie ist fasziniert davon. Sie möchte ebenfalls einen Volksempfänger, schließlich soll jedes Haus einen bekommen.
Doch bei ihrer Mutter kommen weder der Führer noch Musik ins Haus.
Der Krieg kommt trotzdem.
Die Mutter gibt während des Krieges jedem zu essen, der kommt. Dreschen, Schlagen und Schlachten gehören zum Leben auf dem Hof und auch Sophie muss das irgendwann lernen.
Dann holt der Führer die Kinder nach Kärnten und ins Jagdschloss. Auch Sophie.
Schön ist nicht schön, aber schöne Taten sind schön.
Sophie kehrt zurück.
Aber der Krieg geht weiter. Männer fallen. Die Familie sitzt im Keller, während draußen die Granaten einschlagen. Dann sind die GIs im Dorf. Menschen kommen zurück. Flüchtlinge bringen neue Bräuche mit. Und langsam beginnt sich das Leben wieder zu sortieren.
Dabei bleibt dieser Berg immer da.
Als Ort der Arbeit. Der Armut. Der Natur.
Kerstin Specht erzählt in kurzen, prägnanten Kapiteln ein ganzes Leben. Von Menschen, die mit wenig auskommen müssen. Von Gewalt und Krieg, von Liebe und Verlust, von harter Arbeit und dem engen Verhältnis zur Natur.
Und mittendrin Sophie.
Ich habe sie beim Lesen ein Stück begleitet und dabei immer wieder über ihre Gedanken und ihre Art, die Welt zu betrachten, nachgedacht. Aus dem kleinen Mädchen wird eine junge Frau, nicht unbeschadet, aber stark.
Die Sprache hat mir dabei besonders gefallen - poetisch, klar und trotzdem ganz nah an den Menschen. Nichts wirkt unnötig groß gemacht. Gerade die kleinen Beobachtungen bleiben hängen.
Und vielleicht ist es genau das, was Mittelberge für mich so besonders macht:
Es erzählt nicht von einer großen, fernen Weltgeschichte.
Es erzählt davon, wie sich große Geschichte im Leben ganz gewöhnlicher Menschen festsetzt.
Ein schönes Debüt der Autorin, welche bereits seit Jahren Theaterstücke schreibt.
(Wörtliche Zitate sind aus dem Buch entnommen und in Anführungszeichen gesetzt. )