zwischen Relevanz und Distanz
Laurenz Kohlers Roman Aufstehen erzählt die Geschichte des Bozner Oberschülers Nick, der sich inmitten gesellschaftlicher Spannungen und persönlicher Unsicherheit wiederfindet. Klassenfahrten lösen bei ihm sozialen Stress aus, den er mit selbstgedrehten Zigaretten und dem Rückzug zu seinen engsten Freunden Noah und Emilia zu kompensieren versucht. Rassistische Parolen, rechte Demonstrationen und die Touristenflut in seiner Heimatstadt streifen seine Wahrnehmung, bis er selbst vom stillen Außenseiter zum Mitläufer wird und sich in einer Spirale der Eskalation verliert.Das Buch greift zentrale Fragen unserer Zeit auf: Wie positioniert man sich gesellschaftlich? Was bedeutet Selbstverantwortung? Und wie gelingt ein persönlicher Neuanfang? Kohler vermittelt diese Themen mit Nachdruck und schafft eine Grundstimmung, die zum Nachdenken anregt. Dennoch blieb mir Nick als Figur oft fremd. Seine Gedanken und Handlungen wirkten diffus und schwer nachvollziehbar, was die emotionale Bindung erschwerte. Gerade bei einem Entwicklungsroman hätte ich mir mehr Einblick in seine innere Welt gewünscht - statt nur ein vages Gefühl, das vermittelt wird.Der Schreibstil ist größtenteils angenehm und flüssig. Die kurzen Kapitel fördern den Lesefluss, und die Atmosphäre ist eindrucksvoll gestaltet. Dennoch empfand ich das Wechselspiel zwischen knappen Dialogen, abrupten Szenenwechseln und ausführlichen Beschreibungen als inkonsequent. Auch die häufige Wiederholung von Satzanfängen mit "Ich ..." wirkte stellenweise monoton.Aufstehen ist ein Roman mit guter Intention und relevanter Thematik. Er überzeugt vor allem durch seine dichte Atmosphäre und die gesellschaftliche Relevanz. In der Figurenzeichnung und stilistischen Konsistenz bleibt er jedoch hinter seinen Möglichkeiten zurück. Dennoch: Ein Buch, das ich gern gelesen habe - und das zum Weiterdenken anregt.