Ließ mich seltsam unberührt
Beim Lesen dieses Romans habe ich mich über weite Strecken gefragt, warum mich die Geschichte eigentlich nicht abholt, warum sie mich nicht fesselt. Denn das Buch beginnt stark, das Kapitel mit der Begegnung der alten Männer, ehemals Feinde, nun Nachbarn, ist grandios. Es erinnert in seiner Lakonie bei gleichzeitiger Tiefe an Richard Ford und ließ auf Großes hoffen. Jane Gardam verschießt ihr erzählerisches Pulver früh, das Wichtigste wird schon zu Beginn erzählt, und mit jeder Rückblende wird die Story weniger interessant, weil die Episoden, die man nachgereicht bekommt, einem unwesentlich erscheinen angesichts dessen, was man schon weiß oder auch ahnt. Viele Zufälle machen die Geschichte nicht spannender, eher absurder: ausgerechnet der Erzkonkurrent zieht in einer einsamen Gegend ins Nachbarhaus; bei einem Ausflug landet Old Filth, die Hauptperson in einem Hotel, das früher der Versammlungsort seiner Kollegen war - und wo auch jetzt noch einer von ihnen rumhängt; er trifft überhaupt wichtige Personen immer unvermittelt wieder, und ein spielendes Kind findet im Garten die dort versteckten Perlen seiner untreuen Frau¿ Wie am Ende das entscheidende Drama des Lebens abgehandelt wird, entbehrt jeglicher Glaubwürdigkeit: ein lebenslang gehütetes, traumatisches Geheimnis wird in einem Dreiergespräch mit einem Geistlichen mal eben in aller Ausführlichkeit ausgebreitet, - eher so, als sei man es dem Leser schuldig, nicht als Ringen, als Versuch der Befreiung, als Auflösung einer Qual, die es ja sein sollte.