Super
"Wenn der Wind singt" ist Haruki Murakamis erster Roman und zweifellos keine leichte Lektüre. Er bricht mit vielen Regeln, die man von einem klassischen Roman erwartet. Es gibt keine klar erkennbare Haupthandlung und auch kein Happy End.Stattdessen steigen wir mitten in das Leben eines Protagonisten ein, der von seinen Semesterferien und den Erfahrungen dieser Zeit erzählt. Auf gerade einmal rund 100 Seiten erleben wir Melancholie, Tragik und Humor. Wir begegnen seinem besten Freund, der "Ratte" genannt wird - einer charakterlich sehr interessanten, aber auch äußerst schwierigen Figur.Außerdem gibt es Liebesgeschichten mit mehreren Frauen, von denen sich einige das Leben genommen haben. Bis zum unvollkommenen Ende lässt Murakami vieles offen und lädt den Leser dazu ein, selbst die Bedeutungen aus der Geschichte herauszulesen, die für ihn persönlich wichtig sind.Definitiv fünf Sterne."Pinball, 1973" ist sozusagen die Fortsetzung von "Wenn der Wind singt" und gehört zur Tetralogie rund um den Freund "Ratte". Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich als großer Murakami-Fan von dieser Buchreihe lange nichts wusste - zumal ich "Wilde Schafsjagd" schon vor vielen Jahren gelesen und immer als Stand-alone-Roman betrachtet habe.Doch zurück zu "Pinball, 1973". Beim Lesen ergibt es absolut Sinn, dass es sich um eine Fortsetzung handelt und die Geschichte noch weitergeführt wird. Zwar bekommen wir auch hier kein klares Ende, dafür aber Murakami in seiner typischen Mischung aus Symbolik und einer fast magischen Realität.Besonders die Zwillinge sind rätselhaft und lassen viel Raum für Spekulationen. Sind sie überhaupt reale Personen oder vielmehr symbolhafte Gestalten? Sie erinnern stark an andere geheimnisvolle Figuren aus Murakamis späteren Romanen.Im Mittelpunkt steht jedoch ein alter Flipperautomat. Er wird zum Symbol für Erinnerungen und gleichzeitig für die schmerzhafte Erkenntnis, dass in Erinnerungen keine Zukunft liegt, sondern nur Vergangenheit - und in diese kann man nicht zurückkehren.Ratte hingegen steckt weiterhin in einer tiefen Sinnkrise. Obwohl er erst 25 Jahre alt ist, findet er keinen Platz in der Welt und wirkt innerlich verloren. Murakami schildert auf beeindruckende Weise verschiedene Facetten des Lebens: die Sehnsucht nach Erinnerungen und nach Momenten, die niemals hätten enden sollen, die Zerrissenheit des Erwachsenwerdens, aber auch die leise Hoffnung auf die Zukunft und auf das Ungewisse, das noch vor einem liegt.Ich finde es unglaublich beeindruckend, dass dies erst Murakamis zweiter Roman war. Dennoch spürt man bereits auf jeder Seite, dass hier ein außergewöhnlicher Schriftsteller die Weltbühne betreten hat.Ohne zu zögern vergebe ich fünf Sterne.