Anne Rice hat dem Vampir Menschlichkeit gegeben, ohne ihm das Monströse zu nehmen. Sie lässt Gut und Böse verschwimmen.
Schaurig schön - anders kann man "Interview mit einem Vampir" wohl kaum beschreiben. Anne Rice gilt für mich völlig zu Recht als die Mutter des modernen Vampirs. Denn das blutsaugende Monster wird in ihrer Geschichte plötzlich von einer ganz anderen Seite gezeigt. Der Vampir bekommt Gefühle, Sehnsüchte und Ängste, er empfindet Trauer und Schmerz - und vor allem beginnt er, sein eigenes Dasein zu hinterfragen.Anne Rice stellt dabei auch eine Frage, die einen als Leser unweigerlich beschäftigt: Wer ist eigentlich das größere Monster? Ein Mensch, der aus Gier, Hass oder Lust tötet, oder ein Vampir, der Blut benötigt, um zu überleben?Im Mittelpunkt steht Louis, der uns seine Geschichte erzählt. Noch nie erschien ein Vampir so menschlich, noch nie durfte man so unmittelbar an seinem Leiden teilhaben. Jeder Tropfen Blut, den Louis einem Menschen nimmt, lässt ihn leiden und verwundet ihn ein Stück mehr. Er kann nicht akzeptieren, was er geworden ist, und doch ist er ebenso wenig dazu fähig, sein eigenes Dasein aufzugeben.An seiner Seite steht Lestat - und der könnte zunächst kaum unterschiedlicher sein. Lestat hinterfragt nicht ständig, was er ist. Er trinkt Blut, weil es seiner Natur entspricht, und scheint sein Vampirdasein wesentlich leichter zu akzeptieren. Wer allerdings die Folgebände kennt, weiß, dass auch Lestat ein zutiefst melancholischer Vampir ist. Vielleicht besteht der Unterschied zwischen den beiden also vielmehr darin, wie sie mit ihrer Natur umgehen. Lestat akzeptiert die Notwendigkeit des Bluttrinkens - oder vielleicht doch nicht?Gerade dieser Gegensatz zwischen Louis und Lestat macht die Geschichte für mich so faszinierend.Anne Rice nimmt den Leser auf eine schaurig schöne und gleichzeitig melancholische Reise mit. Man fühlt mit Louis, leidet mit ihm, versteht seine Zweifel und stimmt seinen Gedanken manchmal sogar zu. Am liebsten möchte man ihn zwischendurch trösten und ihm sagen: Es ist schon gut. Trink. Du musst es tun, um zu überleben. Du musst dich deshalb nicht immer weiter quälen.Doch Louis leidet weiter. Melancholisch, zutiefst verletzt von dem, was er ist und was er tun muss - und dennoch unfähig, sich selbst aufzugeben.Große Bekanntheit erlangte "Interview mit einem Vampir" sicherlich auch durch die 1994 erschienene Verfilmung mit Brad Pitt als Louis und Tom Cruise als Lestat. Doch wer das Buch gelesen hat, weiß, dass die Geschichte darin noch einmal eine ganz andere Tiefe entwickelt. Der Film ist großartig - das Buch ist für mich dennoch um einiges besser.Anne Rice hat dem Vampir Menschlichkeit gegeben, ohne ihm das Monströse zu nehmen. Sie lässt Gut und Böse verschwimmen und schafft Charaktere, mit denen man leidet, obwohl man weiß, dass sie töten.Anne Rice ist die Mutter des modernen Vampirs - und das mit Recht. Von mir gibt es eine absolute Leseempfehlung!Hinweis: Das Originalbuch aus dem Jahr 1976 ist leider nicht mehr erhältlich. Deshalb habe ich oben die derzeit erhältliche Ausgabe verlinkt. Meine Rezension bezieht sich jedoch auf die Originalausgabe.