Der Hype um dieses Buch ist so laut, dass die Erwartungen kaum zu erfüllen sind. Aber Erin Morgenstern hat mich eines Besseren belehrt.Die Geschichte beginnt in zwei Strängen: Celia, die Tochter eines berühmten Illusionisten, und Marco, der Schüler eines geheimnisvollen Mannes namens Alexander, werden als Kinder zu Figuren in einem Wettstreit bestimmt, dessen Regeln keiner von beiden vollständig kennt. Der Austragungsort dieses Duells ist Le Cirque des Rêves, ein nur nachts geöffneter Zirkus ohne Ankündigung und mit Auftritten, die niemand vergisst, der ihn einmal besucht hat.Was mich als Leserin sofort gepackt hat, ist diese vollständige sensorische Immersion. Morgenstern schreibt so, dass man schwarze und weiße Zelte riecht, Karamell auf der Zunge spürt und das Licht der Feuerkünstler sieht. Das ist keine Übertreibung, das ist literarische Handarbeit. Die Liebesgeschichte zwischen Celia und Marco entwickelt sich langsam und mit einer Art schmerzlicher Unvermeidlichkeit, die ich so selten in Romanzen finde. Keine überstürzten Gefühle, keine aufgesetzten Konflikte, nur zwei Menschen, die sich in einer unmöglichen Situation finden und trotzdem zueinander gravitieren.Die Charakterentwicklung hat mich positiv überrascht. Beide Hauptfiguren wachsen erkennbar und ihre Entscheidungen im letzten Drittel sind aus ihrer jeweiligen inneren Logik absolut nachvollziehbar. Auch Nebenfiguren wie Poppet und Widget oder der Uhrmacher Friedrick Thiessen sind mit Bedacht angelegt und nicht nur Staffage.Ehrlich gesagt hat das Buch im Mittelteil einige Passagen, die ich als etwas zäh empfunden habe. Die episodische Struktur, die für die Zirkusbeschreibungen so wunderbar funktioniert, bremst an einigen Stellen den eigentlichen Handlungsstrang. Das ist kein gravierendes Problem, aber wer auf konstant hohes Tempo steht, sollte darauf vorbereitet sein.Mein Fazit: 4,5 von 5 Sternen, und das sehr gerne. Der Nachtzirkus ist ein Buch für alle, die bereit sind, sich Zeit zu lassen und in eine Geschichte einzutauchen wie in einen langen Wintertraum. Wer schnelle Plots und viele Wendungen bevorzugt, könnte fremdeln. Alle anderen: unbedingt lesen.