Starke Grundlage, war für mich als Roman aber viel zu langsam, beschreibungsintensiv und über weite Strecken schlicht langweilig.
Meine Geschichte mitDer mexikanische Fluchvon Silvia Moreno-Garcia ist inzwischen länger als mein eigentliches Leseerlebnis: Vor ungefähr vier Jahren habe ich das Buch zum ersten Mal angefangen und nach dem ersten Kapitel wieder weggelegt. Seitdem habe ich es mehrere Male erneut versucht und bin immer wieder ziemlich schnell gescheitert. Erst jetzt habe ich es tatsächlich geschafft, über diesen Anfang hinauszukommen und das Buch komplett zu lesen.Und rückblickend verstehe ich leider ziemlich gut, warum ich mich damit so lange so schwergetan habe.Dabei gefällt mir die Ausgangsidee eigentlich sehr. Noemí Taboada wird im Mexiko der 1950er-Jahre von ihrem Vater zu ihrer Cousine Catalina geschickt, nachdem diese einen verstörenden Brief geschrieben hat. Catalina lebt seit ihrer Hochzeit mit Virgil Doyle im abgelegenen Familiensitz High Place. Dort angekommen trifft Noemí auf eine ausgesprochen unangenehme Familie, einen patriarchalen Hausherrn mit rassistischen und eugenischen Vorstellungen, zahlreiche strenge Regeln und natürlich auf ein Haus, bei dem ziemlich schnell klar wird, dass irgendetwas ganz und gar nicht stimmt.Eigentlich perfektes Material für mich. Leider musste ich mich gerade am Anfang extrem zwingen weiterzulesen.Ein überraschend großes Problem waren dabei für mich die Dialoge. Gerade in den ersten Kapiteln wirkten viele Gespräche unglaublich gestelzt. Mir ist bewusst, dass das Buch in den 1950er-Jahren spielt, die gesellschaftliche Schicht der Figuren eine Rolle spielt und insbesondere die Doyles bewusst steif und altmodisch wirken sollen. Trotzdem fühlten sich einige Gespräche für mich weniger wie tatsächliche Unterhaltungen zwischen Menschen an und mehr wie Dialoge, deren Hauptaufgabe darin besteht, eine bestimmte Gothic-Stimmung zu erzeugen.Irgendwann habe ich mich daran gewöhnt und ab einem gewissen Punkt ließ sich das Buch deutlich besser lesen. Wirklich gepackt hat es mich allerdings auch dann nicht.Das lag definitiv nicht an Noemí. Sie war für mich sogar einer der unterhaltsamsten Aspekte des Romans. Noemí entspricht eben nicht der klassischen blassen Gothic-Heldin, die verängstigt durch ein altes Herrenhaus schleicht und permanent an ihrer eigenen Wahrnehmung zweifelt. Sie ist selbstbewusst, gesellschaftlich versiert, neugierig, teilweise provokant und hat überhaupt keine Lust, sich den absurden Regeln der Familie Doyle widerspruchslos unterzuordnen. Dass Florence ihr das Rauchen verbieten oder Gespräche beim Essen untersagen möchte, hält Noemí beispielsweise nicht davon ab, die Regeln immer wieder infrage zu stellen. Gleichzeitig unterschätzen viele Figuren sie zunächst, weil sie gerne Partys besucht, schöne Kleidung trägt und wechselnde Interessen verfolgt.Diese Mischung fand ich sympathisch.Auch inhaltlich steckt wesentlich mehr im Buch als nur "gruseliges Haus macht gruselige Dinge". Die Geschichte der Doyles als englische Familie, die in Mexiko durch eine Silbermine zu Reichtum gelangt ist, verbindet den Horror mit Kolonialismus und Ausbeutung. Besonders Howard Doyles Obsession mit Eugenik und vermeintlicher genetischer Überlegenheit macht ziemlich deutlich, welche Vorstellungen innerhalb dieser Familie weitergegeben wurden. Der Horror von High Place ist damit eben nicht losgelöst von der Vergangenheit der Familie und ihrem Umgang mit den Menschen und Ressourcen Mexikos.Das fand ich konzeptionell wirklich gelungen.Und trotzdem dachte ich beim Lesen wahnsinnig häufig einfach nur: Können wir bitte mal weitermachen?High Place wird wirklich ausführlich beschrieben.Sehr ausführlich.Der Nebel. Die Tapeten. Der Schimmel. Die dunklen Flure. Die alten Möbel. Die stickige Luft. Die Wände. Die Pilze. Noch mehr Schimmel. Noch ein Flur.Ich verstehe komplett, warum das für viele Leser*innen funktioniert. Das Haus soll nicht einfach ein Schauplatz sein, sondern fast selbst zu einer Figur werden. Die permanente Feuchtigkeit, der Verfall und die klaustrophobische Atmosphäre spiegeln wider, dass mit High Place und den Doyles etwas fundamental nicht stimmt. Gerade die zunehmenden Albträume, Halluzinationen und das Gefühl, dass sich Tapeten und Wände geradezu bewegen, nutzen diese Atmosphäre bewusst.Nur hat mich das irgendwann einfach ermüdet.Natürlich ist meine Aussage überspitzt, aber gefühlt könnte man sämtliche Hausbeschreibungen streichen und die eigentliche Geschichte wäre auf 50 Seiten erzählt.Das ist wahrscheinlich auch der entscheidende Punkt dafür, warumDer mexikanische Fluchbei mir nicht richtig funktioniert hat: Atmosphäre allein trägt für mich keinen Roman. Vor allem nicht, wenn ich für diese Atmosphäre ständig das Gefühl habe, dass die eigentliche Handlung angehalten wird.Der Roman ist bewusst ein Slow Burn. Lange bleibt unklar, ob Catalina tatsächlich vergiftet wird, ob sie psychisch erkrankt ist, ob High Place übernatürlich beeinflusst wird oder ob hinter den seltsamen Vorkommnissen eine rationalere Erklärung steckt. Erst nach und nach werden Noemís Träume intensiver, die Familiengeschichte merkwürdiger und die übernatürlichen Elemente deutlicher.Slow Burn kann ich grundsätzlich mögen. Hier fühlte es sich für mich leider weniger nach langsam aufgebauter Spannung und mehr nach langsamem Warten darauf an, dass endlich etwas passiert.Als die Geschichte später stärker eskaliert und die Geheimnisse von High Place tatsächlich offengelegt werden, wurde es für mich deutlich interessanter. Aber bis dahin war ich emotional schon ziemlich weit aus dem Buch ausgestiegen.Das ist schade, denn gerade rückblickend sehe ich wirklich viele Dinge, die ich anDer mexikanische Fluch eigentlich gut finde. Noemí ist eine starke Hauptfigur. Die Doyles sind angemessen unangenehm. High Place besitzt eine klare Identität. Die Verbindung von klassischer britischer Gothic-Ästhetik mit mexikanischer Geschichte und der Vergangenheit einer englischen Minenbesitzerfamilie gibt bekannten Genre-Elementen eine interessante neue Ebene.Francis mochte ich ebenfalls als Gegenpol zu seiner Familie. Zwischen all den kontrollierenden und bedrohlichen Doyles ist er einer der wenigen Menschen, bei denen Noemí zumindest ansatzweise das Gefühl bekommt, einen Verbündeten zu haben. Gleichzeitig ist er so sehr Teil dieses Familiensystems, dass auch bei ihm lange nicht klar ist, wie weit man ihm tatsächlich vertrauen kann.Es gibt also wirklich einiges, das funktioniert. Nur hat es bei mir als Leseerlebnis nicht funktioniert.Und tatsächlich glaube ich, dass ich diese Geschichte als Film oder Serie wesentlich mehr gemocht hätte.All das, was mich beim Lesen irgendwann genervt hat, könnte visuell wahrscheinlich fantastisch aussehen: das heruntergekommene Herrenhaus im Nebel, die vergilbten Tapeten, der Schimmel, die düsteren Flure, Noemís Kleidung als Kontrast zu High Place, die albtraumhaften Sequenzen und später die deutlich groteskeren Horrorelemente. Ein Film kann mir in wenigen Sekunden zeigen, wie erdrückend und verfallen ein Raum aussieht. Ich brauche dann nicht mehrere Absätze darüber zu lesen.Gerade bei diesem Buch hatte ich deshalb ständig das Gefühl, eine Geschichte vor mir zu haben, deren Stärken sehr visuell sind. Ich wollte High Place sehen. Ich wollte Noemís Träume sehen. Ich wollte den zunehmend surrealen Horror sehen.Ich wollte nur irgendwann nicht mehr noch eine Beschreibung davon lesen. Vielleicht erklärt das auch am besten meine 2,5 Sterne.Ich findeDer mexikanische Fluchnämlich keineswegs katastrophal. Dafür hat Silvia Moreno-Garcia zu viele interessante Ideen, Noemí ist zu unterhaltsam und insbesondere die gesellschaftskritische Ebene hinter dem Gothic-Horror ist zu durchdacht. Ich kann sogar ziemlich gut nachvollziehen, warum andere Menschen gerade die dichte Atmosphäre lieben. Ich gehöre nur leider nicht dazu.Bei mir überwog am Ende einfach die Langeweile. Und wenn ich vier Jahre und mehrere Versuche brauche, um ein Buch überhaupt einmal über das erste Kapitel hinauszulesen, ist das wahrscheinlich auch schon eine ziemlich deutliche Aussage.