Berührender Roman über Menschen, die aus Kuba geflohen sind, der nicht mit Kritik an den Verhältnissen spart, aber viele Redundanzen enthält
Die Originalausgabe dieses Romans erschien 2020 unter dem Titel "Como Polvo en el Viento", d.h. der deutsche Titel ist eine genaue Übersetzung des Originaltitels. Inspiriert ist er von dem Song "Dust in the Wind" der amerikanischen Band Kansas, dessen Refrain lautet "For all we are is dust in the wind". Durch ein auf Facebook veröffentlichtes Gruppenfoto entdeckt die junge Adela Fitzberg, dass ihre Herkunft eine fast völlig andere sein muss, als sie bisher geglaubt hat. Mit Hilfe ihres Partners Marcos, versucht sie, sich darüber Klarheit zu verschaffen. Alles begann letztendlich vor 26 Jahren in Havanna, wo eine Clique von Freunden, die sich selbst aufgrund ihrer Verbundenheit "Clan" nennen und der sowohl Adelas Mutter als auch Marcos' Eltern angehören, aufgrund äußerer Umstände und des Todes eines Mitglieds auseinanderbricht.Der Roman wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt, wobei eine wesentliche diejenige der jungen Adela ist, die sich, quasi eines Teils ihrer Herkunft plötzlich beraubt, bemüht, zu klären, wer ihr leiblicher Vater ist. Auch zwischen den Jahren wechselt der Autor munter hin und her, doch da er entweder mit Jahreszahlen oder dem Alter von Personen stets deutlich macht, in welchem Jahr man sich gerade befindet, ist es ohne weiteres möglich, den Überblick zu behalten.Prägend für den Roman ist der Beginn der 90-er Jahre, die im Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Abriss der Berliner Mauer gipfelten. Der Niedergang der sozialistischen Welt hatte natürlich auch schwerwiegende Konsequenzen für die kubanische Gesellschaft. Das Auseinanderbrechen des verschworenen Clans steht metaphorisch dafür, was in der Welt in größerem Maßstab passierte.Padura hat in jedem seiner Romane durchaus kritische Töne gegen das politische und wirtschaftliche System Kubas angeschlagen, doch in bisher keinem vorherigen Roman empfand ich die Kritik als so deutlich geäußert, wie in diesem Werk, in dem sie geradezu prägend für alle Sequenzen über Kuba ist. Vielleicht ist man seitens der Regierung in Kuba Kritik gegenüber mittlerweile offener eingestellt oder die Situation ist inzwischen so schlimm, dass niemand sie mehr ernsthaft beschönigen kann.Schön fand ich, dass Padura dem russischen Schriftsteller Wassili Grossman eine kleine Sequenz widmete: "Jahre danach - Irving lebte schon lange in Spanien - schickte Horacio ihm die Textstelle aus dem Roman eines gewissen Wassili Grossman." - "Die Männer, die Irving verhörten, hatten offensichtlich die gleiche Ausbildung durchlaufen wie die Romanfiguren dieses sowjetischen Schriftstellers, der verbittert und verunglimpft, ganz an den Rand des Systems gedrängt, gestorben war." (Unionsverlag Tb, 2023, S. 144) Offenbar schätzt Padura Grossman genauso sehr wie ich, was vielleicht auch erklärt, warum ich beide so sehr mag. Im Gegensatz dazu urteilt Padura über eine Schriftstellerin sehr kritisch: "In anderen Fällen verdienten diese Leute sich den Lebensunterhalt, indem sie das Martyrium, das sie durchlitten oder einfach nur erfunden hatten, zur Schau stellten, wie etwa eine Schriftstellerin von sehr bescheidener literarischer Ausdrucksfähigkeit, die, um sich einen Platz zu erobern, behauptete, alle möglichen und unmöglichen Verfolgungen erfahren zu haben, obwohl sie - wie jedermann genau wusste - vor ihrer selbst gewählten Verbannung jede Menge Privilegien genossen und im Schutz der Macht gelebt hatte, von der sie sich zu allem Überfluss auch noch beim Gang ins Exil helfen ließ." (ebd., S. 180/181) Ich habe mich natürlich gefragt, um wen es sich dabei handeln könnte und ein wenig recherchiert mit dem Ergebnis, dass ich glaube, dass der Autor hier auf die Schriftstellerin Zoé Valdés anspielt, mit der ihn, so scheint es, eine heftige gegenseitige Abneigung verbindet. Was nicht verwunderlich ist, da die Frau doch weit ins rechtsradikale Milieu abgedriftet scheint.Die offensichtlichen Widersprüchlichkeiten in der Beziehung der Kubaner zu ihrer Heimat fasst Padura in folgendem Satz wohl treffend zusammen: "Ramsés bemühte sich, derartigen Diskussionen aus dem Weg zu gehen, und sagte nur, nicht einmal Gott sei in der Lage, die seltsamen Verhältnisse auf der Insel zu verstehen, geschweige denn sie in Ordnung zu bringen." (ebd., S. 414)Aus meiner Sicht ist der Roman um einige Seiten zu lang geraten, denn, wenn auch die Gründe für die Ausreise im Einzelfall unterschiedlich sein mögen, so wiederholt sich doch ständig die Tatsache der Ausreise von verschiedenen Mitgliedern des Clan. Und auch die Schwierigkeiten, die Adela mit ihrer Mutter hat und die Aufklärung des Todesfalls ziehen sich allzu lange dahin. Und ganz am Ende empfinde ich den Grund dafür, dass Adelas Mutter ihr Leben so gelebt hat, wie sie es gelebt hat, nicht wirklich einleuchtend, vor allem nicht dafür, dass sie Adela die ganze Zeit belogen hat. Drei Sterne.