Ich muss gestehen, dass ich von der ersten deutschen Zahnärztin, Henriette Hirschfeld-Tibertius noch nicht gehört hatte - da ich aber Romanbiographien sehr gerne lese, war ich neugierig und fand dann auch die Einblicke in ihr Leben sehr interessant.Henriette wird 1834 auf Sylt geboren. Es ist eine Zeit, in der für Mädchen der Lebensweg klar vorgegeben ist - doch schon früh merkt Henriette, dass sie sich für andere Dinge interessiert. Sie liest Bücher, lernt heimlich Latein und denkt nicht daran, sich ausschließlich auf ein Leben als Ehefrau und Mutter vorzubereiten. Als ihre Familie in Not gerät, fügt sie sich jedoch in eine arrangierte Ehe mit einem reichen Gutserben, die sich als unglücklich und zerstörerisch entpuppt. Erst nach ihrer Flucht nach Berlin beginnt sie, eigene Entscheidungen zu treffen. Und fasst den Entschluss, nach Amerika zu gehen und Zahnärztin zu werden...Mich hat das Buch sehr gut unterhalten. Henriette ist eine Figur, die ich von Anfang an mochte. Als Leserin begleite ich sie von Geburt an, erlebe mit ihr, wie sie wächst, leidet, zweifelt und kämpft - und sich langsam von den engen Fesseln ihrer Zeit löst. Ich mochte ihre liebenswerte Art, insbesondere auch, wie sie sich im Laufe ihre Lebens entwickelt: Ist sie anfangs zwar neugierig und interessiert, aber auch angepasst und in den damaligen Konventionen gefangen, entwickelt sie sich zu einer selbstbewussten Frau, die ihre eigene Meinung hat und Träume nicht nur träumt, sondern mit viel Engagement auch umsetzt. Besonders gefallen hat mir der Aufbau des Buches auf zwei Zeitebenen: Während die ältere Henriette schwerkrank auf ihr Leben zurückblickt, begleite ich die junge Henriette von ihrer Kindheit bis ins Erwachsenenalter. Beide Erzählebenen mochte ich gerne - gerade die Zeit der Rückblicke ist lebendig und einfühlsam erzählt, ohne dass es aber kitschig ist. Der Roman liest sich angenehm leicht, bleibt dabei aber immer stilistisch stimmig zur Epoche. Durch die Orts- und Zeitangabe vor jedem Kapitel weiß man auch immer, wo man mit Henriette gerade ist und kann gar nicht durcheinanderkommen. Ein kleiner Wermutstropfen für mich war die Schwerpunktsetzung: Ich hatte erwartet, mehr über Henriettes beruflichen Weg zur Zahnärztin zu erfahren - dieser Teil nimmt jedoch überraschend wenig Raum ein. Es dauert lange, bis sie anfängt zu studieren, und ihr Werdegang zur Zahnärztin war mir ein wenig zu schnell abgehandelt. Das fand ich schade, da gerade dieser Aspekt - eine Frau, die sich in einem Männerberuf behauptet - sehr reizvoll gewesen wäre.Dennoch aber waren auch die Kinder- und Jugendjahre von Henriette interessant und spannend - hier hat die Autorin gut recherchiert und so ein lebendiges, sehr authentisches Bild der damaligen Zeit gezeichnet.Henriette ist eine starke Frau, die sich nicht beugen will. Ihre Geschichte ist eine Geschichte über Selbstbehauptung, Mut und den langen Weg zur Selbstbestimmung.