Wunderbare Wiederentdeckung
Wieder einmal hat ein Verlag, hier der in der Schweiz ansässige Unionsverlag, einen Klassiker wiederentdeckt. Bei seinem Erscheinen 1931 war der Roman in England ein großer Erfolg, ist aber dann in Vergessenheit geraten. Sein Autor R.C. Sheriff ( 1896 - 1975 ) hat sich vor allem als Dramatiker und Drehbuchautor einen Namen gemacht." In den Ferien wird der Mensch zu dem, der er hätte werden und der er hätte sein können, wären die Dinge ein wenig anders gekommen."Wir begleiten hier eine ganz gewöhnliche Familie in ihren jährlichen Urlaub. Der führt sie wie in den letzten zwanzig Jahren schon in eine kleine Pension in Bognor, einem Ort an der englischen Südküste. Der Roman setzt ein am Abend vor der Abreise. Alle in der Familie sind in erwartungsvoller Vorfreude, doch damit bei all der Aufregung nichts vergessen wird, greift Mr. Stevens auf seine bewährte " Marschordnung" zurück. Jedes Familienmitglied bekommt danach noch letzte Aufgaben zugewiesen, damit man am nächsten Tag beruhigt abreisen kann. Während Mrs. Stevens schon den Lieferanten und dem Milchmann Bescheid gegeben hat, muss die zwanzigjährige Mary erst am kommenden Morgen den Kanarienvogel zur betagten Nachbarin bringen. Dem 17jährigen Dick und Ernie, dem Jüngsten in der Familie, werden kleinere Aufgaben zugewiesen.In der Frühe geht es los, mit dem Zug von ihrem Londoner Vorort aus bis zum Ziel ihrer Reise. Der Autor lässt sich Zeit für seine Geschichte; es vergehen mehr als hundert Seiten, bis die Stevens endlich ankommen. Detailliert beschreibt er sämtliche Etappen der Fahrt, den Blick aus dem Fenster, Beobachtungen im Abteil, kleine Aufregungen beim Umsteigen. Die Gedanken schweifen zurück in die Vergangenheit. Diese Erinnerungen geben dem Autor die Möglichkeit, die Vorgeschichte seiner Figuren zu verraten, ohne aus seinem erzählerischen Rahmen auszubrechen.In Bognor angekommen, wird freudig alles Bekannte und Vertraute begrüßt, kleine Veränderungen aber auch registriert. Vor allem in ihrer Pension lässt sich der Niedergang nicht mehr verheimlichen. Doch aus alter Treue zu ihrer Pensionswirtin sehen die Stevens darüber hinweg.Es sind zwei völlig unspektakuläre Wochen am Meer, ohne bedeutsame Erlebnisse oder große Überraschungen. Tagsüber ist man am Strand, spielt Cricket oder geht schwimmen. Nach dem Abendessen in der Pension spaziert man die Promenade entlang oder lauscht einem Konzert der Kurkapelle. Obwohl auch hier Mr. Stevens alles genau plant, immer mit dem Ziel, Frau und Kinder glücklich zu machen, bleibt Raum für Zeiten zur freien Verfügung . Denn bei allen Gemeinsamkeiten hat jeder doch seine kleinen Geheimnisse. Mrs. Stevens genießt die abendliche Ruhe mit ihrem rationierten Gläschen Port, ihr Mann dagegen verbringt manchen Abend in geselliger Runde in einer Bar, wo er völlig harmlos mit der Bardame Rosie flirtet und Mary erlebt ihre erste heimliche Romanze.Es ist eine Freude und keineswegs langweilig, wie R.C. Sherriff davon schreibt. Oberflächlich passiert nicht viel, doch auf einer tieferen Ebene gibt es bedeutende Entwicklungen. Wie die Figuren miteinander umgehen, wie sie sich in bestimmten Situationen verhalten, sagt sehr viel aus über sie selbst und ihre Beziehung zueinander. Dabei wechselt der Erzähler von einem Protagonisten zum nächsten und gewährt uns so einen Einblick in den Charakter und die Gedankengänge eines jeden Familienmitglieds.Wie auf ihren Urlaubsphotos auf allen Bildern etwas " Winziges, Seltsames" im oberen Rand das perfekte Bild stört, so trägt jeder ein Problem mit sich herum, das wie ein Schatten über der Urlaubsidylle liegt. Mary genießt zwar noch die familiäre Geborgenheit, doch langsam will sie raus aus der Enge des Elternhauses. Mrs. Stevens mag im Grunde das Meer überhaupt nicht und Dick ist unglücklich an seinem Arbeitsplatz. Bei Mr. Stevens sind es zurückliegende Kränkungen, die er auf seinen jährlich wiederholenden Wanderungen verarbeitet. Einzig Ernie scheint völlig unbelastet die Ferien genießen zu können. Aber alle fühlen sich am Ende des Urlaubs gestärkt und voller Zuversicht. Auch wenn es wahrscheinlich der letzte gemeinsame Urlaub für die Familie war. Es ist abzusehen, dass die erwachsenen Kinder in Zukunft ihre eigenen Wege gehen werden.Sherriff erzählt von den kleinen Freuden des Lebens. Er zeigt, dass es auch im Alltäglichen viel zu entdecken gibt und dass ein solches Leben ( das die meisten von uns führen) nicht langweilig und bedeutungslos sein muss. Und obwohl der Roman in einer vergangenen Zeit spielt und sich seitdem viel verändert hat, erkennt man Verhaltensmuster und Gefühle wieder. Der Autor begegnet seinen Figuren mit Respekt und liebevoller Zuwendung. Das überträgt sich auf den Leser.Seine Schilderungen vermitteln eindrucksvoll die Atmosphäre dieses Sommers, dabei überzeugt er mit einer genauen Beobachtungsgabe und einem Blick für Details.Ganz subtil wird auch das Thema Klasse und Hierarchien aufgegriffen. Mr. Stevens hat zwar einen Aufstieg vom ungelernten Arbeiter zum besser gestellten Büroangestellten hingelegt, doch es gibt Grenzen, die unüberwindbar sind . Klassenunterschiede zeigen sich auch in der Szene, als Mr. Stevens unerwartet auf einen wohlhabenden Kunden seiner Firma trifft und von dem zum Tee in seine Prunkvilla eingeladen wird.Abgerundet wird dieser zauberhafte Roman durch das Nachwort vom Schriftsteller und Übersetzer Karl-Heinz Ott, der klug interpretiert und Wissenswertes zum Autor zu sagen hat." Zwei Wochen am Meer" war für mich eine äußerst lesenswerte Entdeckung. Eine schöne Sprache, liebenswerte und glaubwürdige Figuren und einen ganz besondere Charme machen den Roman zu einem einzigen Lesevergnügen.