Das Raubtierhafte im Homo sapiens - eindrucksvoll in Romanform gegossen
Meist unter einer schönen Fassade verborgen, mehr oder weniger unsichtbar, hin und wieder aber ungeschönt, ohne Maske durchbrechend. Man könnte auch von den zwei verschiedenen Gesichtern sprechen, hinter denen sich Gut und Böse begegnen und um Sichtbarkeit ringen. Insofern sind wir alle betroffen - ausnahmslos.Es gibt viele Mitspieler in diesem begeisternden aktuellen Roman von Joël Dicker, aber es gibt nur eine Person, die in ihren verschiedenen Rollen derart brilliert: Sophie. Sophie, die liebevolle Mutter und leidenschaftlich Liebende, die scheinbar mühelos durchs Leben Gleitende. Aber auch die Ungezähmte, deren dunkle Seiten im Verborgenen glühen, eine Seite, die so gar nicht zu dem bürgerlichen Leben passt, dass sie mit Ehemann und zwei Kindern in Genf so spielerisch zu bewältigen scheint.Alles scheint sich harmonisch zu fügen, selbst dann als sich die Männerwelt, beispielhaft dargestellt durch ein Mitglied einer Spezialeinheit, der verlockenden Schönheit auf eine Art nähert, die (für Mann) so ungewöhnlich nicht ist, aber in dem hier geschilderten Kontext schließlich eine Dynamik entfaltet, die den Leser in Atem hält: "Es war stärker als er." Eine Anlehnung an das "Es" von Sigmund Freud passt hier ganz gut. Die Fassade bekommt allerdings Risse mit der Existenz einer kleinen Karte mit kompromittierendem Inhalt:"Meine Pantherin,Du bist für dieses Leben im Käfig nicht gemacht. Du hast dich daran gewöhnt, wie ein Tier im Zoo. Aber deine Routine und dein Alltag sind Gitterstäbe. Dein Glück ist eine Illusion. Denk an Viscontini. Komm mit mir, ich will dich die Freiheit wieder spüren lassen.Ich liebe dich.Dein Fauve"Wie diese Käfig aussieht, welche Lücken zum Durchschlüpfen er bereithält (und gibt es wirklich nur den einen Käfig?) und wie man ihm gegebenenfalls entkommen kann, wird hier meisterhaft erzählt. Trotz vieler Windungen, Cliffhanger und Kehren ist es ein Leichtes sich von diesem Roman verführen zu lassen.