Mit "Im Sommer der Wildbienen" hatte ich beim Start eine bestimmte Erwartung: leichter Sommerroman, viel Gefühl, wenig Substanz. Nina Mayen hat mich eines Besseren belehrt, zumindest zum größten Teil.
Die Prämisse ist schnell erzählt: Flora erleidet eine Panikattacke und trifft daraufhin eine impulsive Entscheidung, die sich im Nachhinein als genau richtig herausstellt. Sie zieht in das Haus ihrer verstorbenen Großmutter auf dem Land, entdeckt einen Schwarm Wildbienen im Garten und findet dort eine Ruhe, die ihr das städtische Leben schon lange nicht mehr gegeben hat. Dann kommt Eden, die im Dorfcafé arbeitet und von Anfang an eine eigenartige Vertrautheit ausstrahlt, und der Sommer wird zu etwas, das Flora nicht loslassen möchte.
Was mich als Leserin wirklich überrascht hat, ist die emotionale Tiefe dieser Geschichte. Das ist kein Buch, das mit großen dramatischen Momenten arbeitet, sondern mit leisen, akkumulierten Beobachtungen. Die Wildbienen sind keine plumpe Metapher, sondern eine Parallelebene, die Floras innere Entwicklung begleitet, ohne sie zu erklären. Das fand ich handwerklich bemerkenswert.
Gleichzeitig gibt es Stellen, wo das Buch zu sicher spielt. Manche Szenen ziehen sich, ohne dass sie der Geschichte etwas Neues hinzufügen, und einige Wendungen konnte ich früh vorhersehen. Das sind kleine Schönheitsfehler, die aber nicht entscheidend ins Gewicht fallen, weil der Grundton des Buches so stimmig ist.
Die Beziehung zwischen Flora und Eden entwickelt sich mit einer Glaubwürdigkeit, die dem Buch gut steht. Kein überstürztes Happy End, sondern ein echtes Werden. Das ist in diesem Genre keine Selbstverständlichkeit.
Empfehlung: Wer einen Sommerroman sucht, der auch nach dem Lesen noch etwas hinterlässt, ist hier genau richtig. Für alle, die Natur, stille Selbstfindungsgeschichten und eine ruhig erzählte Liebesgeschichte mögen. 4 von 5 Sternen.