In Annabel Ravens jüngstem Krimi heißt es wieder Stralsund ermittelt. Der zweite Teil der Reihe ist unter dem Titel Tote Dichter schreiben nicht erschienen und lässt sich auch ohne Kenntnis des ersten Bandes problemlos lesen.
Eigentlich hatte sich das Team Weingold-Trio den Sommer ganz anders vorgestellt: Während Fanny sehr zu Hektors Missfallen eine ausgedehnte Reise nach Asien geplant hat, ist Nele einem Sommerflirt mit ihrem Jugendschwarm nicht abgeneigt. Doch dann erschüttert ein Mord die Sommeridylle. Mysteriöse Hinweise auf einen Club der toten Dichter und das merkwürdige Verhalten von Polizist Enno bringen das Team Weingold ins Ermittlungsfieber und führen auf einer vielversprechenden Spur viele Jahre in die Vergangenheit.
Das Cover vermittelt pure sommerliche Strandidylle, lediglich das hingeworfene Fahrrad deutet sacht daraufhin, dass möglicherweise etwas im Argen liegt.
Annabel Raven vermittelt in ihrem humorvollen Krimiroman jede Menge Lokalkolorit, sodass ich die Ostseeluft beinahe riechen kann. Dabei ist der Schreibstil überaus angenehm und dementsprechend zügig zu lesen. Trotzdem erscheint mir das erste Drittel des Buches etwas langatmig, denn hier fehlt in meinen Augen absolut die Spannung. Nach den ersten 100 Seiten nimmt das Geschehen bzw. die Ermittlung aber rasant an Fahrt auf und auch wenn die Authentizität damit doch deutlich ins Hintertreffen gerät, fällt es mir von da an schwer das Buch aus der Hand zu legen.
Die meisten Charaktere erscheinen mir ziemlich sympathisch, trotzdem kann ich das dreiköpfige Team Weingold, Polizisten Enno und die Nachbarin Birdie kaum ernst nehmen. Das ist aber wohl auch nicht der Anspruch und vielleicht liegt darin sogar der Reiz des spaßigen Krimis. Neles Nachbarin Birdie hat die 80 nach Schätzung ihrer Mitmenschen bereits überschritten. Scharfsinnig, ziemlich dominant und trotz ihres Alters noch ausgesprochen fit gelingt es ihr überaus geschickt andere auszuhorchen ohne selbst all zu viel von ihrer geheimnisvollen Persönlichkeit zu offenbaren. Enno leitet neben der Polizeistation auch noch ein Café am Strand. Was normalerweise gut funktioniert, bringt ihn während der Sommersaison und einem gleichzeitigen Gewaltverbrechen ziemlich in die Bredouille, zumal er auf seiner Dienststelle wenig Unterstützung findet. Über seine Gefühle für Nele ist er sich nicht sicher oder redet es sich zumindest so ein. Dennoch packt ihn die Eifersucht und lässt ihn ziemlich tölpelhaft aussehen. Das Team Weingold wirkt recht blauäugig, ziemlich impulsiv und hat durchaus Ähnlichkeit mit Jugend-Detektivteams wie TKKG oder 3 Fragezeichen, nur das diese drei eben schon beträchtlich älter sind. Gärtner Hektor ist mit seinen 43 Jahren der älteste Hobby-Detektiv. Er wirkt teilweise etwas einsilbig und grummelig. Doch obwohl ernste Gespräche, vor allem mit Fanny, nicht seine größte Stärke ist, hat er das Herz auf dem rechten Fleck. Mit seinen heimlichen Lauschangriffen und zahlreichen nützlichen Verbindungen leistet er für das Team Weingold einen wertvollen Beitrag. Fanny, das Küken im Team, ist ein Computergenie und hat aus Unterforderung ihren Job gekündigt. Sie ist ein wenig unbeholfen in puncto sozialer Interaktion und stößt den Menschen in ihrem Umfeld mit ihrer meist direkten Art gelegentlich ziemlich vor den Kopf. Dabei meint sie es jedoch nicht böse und ihre Fähigkeiten sind für die Ermittlungen oft Gold wert. Psychotherapeutin Nele lebt noch nicht lange in Stralsund, genießt es aber ihr Leben etwas entspannter angehen zulassen als zuvor in New York. Zwar liegt es ihr vor allem die Mikrosignale ihrer Patienten wahrzunehmen und einzuschätzen, im eigenen Lebensumfeld scheinen diese Fähigkeiten jedoch manchmal ihren Dienst zu versagen. Sie trägt vor allem mit ihrer besonnen, planvollen Art und ihrer einfühlsamen Gesprächsführung zu den Ermittlungen bei. Zwar sind die Figuren wenig glaubwürdig, dafür aber herrlich amüsant.
Insgesamt ist Stralsund ermittelt Tote Dichter lügen nicht ein humorvolles Krimivergnügen, dass zwar etwas schleppend in Gang kommt, dann aber mit seinen schrägen Charakteren viel Lesefreude bereitet und dem tollen Ostseeflair punktet.