Zeit der Freundinnen Wundertütentage von Tanja Huthmacher ist der Auftakt einer neuen Trilogie um drei Freundinnen aus München. Im Mittelpunkt der Handlung steht in diesem Roman Goldschmiedin Julia.
Cover und Farbschnitt des Romans sind rosa, was mir persönlich etwas grell und wuchtig erscheint. Das Ganze wird jedoch mit hübschen Wildblumen aufgelockert.
Julia ist von der überraschenden Entscheidung ihres 16-jährigen Sohnes Flavio eine Ausbildung als Geigenbauer zu beginnen und daher auszuziehen schwer getroffen, denn ein einschneidendes Erlebnis in ihrer Kindheit ruft bei ihr noch immer stark ausgeprägte Verlustängste hervor. Rückhalt findet Julia jedoch nicht nur bei ihrem Ehemann Max, sondern auch bei ihren Freundinnen Sophie und Helen, die sich in einer ähnlichen Lage befinden. Inmitten dieses neuen Lebensabschnittes kommen lang gehütete Geheimnisse ans Licht, neue Pläne werden geschmiedet und auch ein alter Bekannter scheint unverhofft wieder auf der Bildfläche aufzutauchen.
Genau wie in Tanja Huthmachers vorangegangener Trilogie Zeit der Schwestern hat mich auch in diesem Roman ihr sehr detailierter Schreibstil begeistert und in die Handlung hineingezogen. An einigen Stellen hatte ich beinahe das Gefühl Schauplatz und Atmosphäre mit allen Sinnen wahrnehmen zu können. Besonders zentral sind die Themen Freundschaft, Familie und Loslassen und einen neuen Lebensabschnitt beginnen bzw. neue Wege wagen. Die Handlung besticht mit großer Alltagsnähe, die Protagonistinnen im Alter von Anfang bis Ende 40 müssen sich damit arrangieren ihre Kinder aus dem eigenen Haushalt in die (Berufs-)Welt zu verabschieden. Ein paar kleinere und eine größere Überraschung sorgen für die titelgebenden Wundertütentage und einen Hauch Spannung. Allerdings lassen ziemlich viele Zufälle auf einmal die Handlung zeitweise etwas fadenscheinig wirken. Andere Situationen sind für Protagonistin Julia wohl überraschender, als für den Leser selbst. Kleinere Probleme und Konflikte wirken manchmal ein wenig aufgebauscht, werden aber kurzerhand genauso schnell und unproblematisch behoben, wie auch die komplexeren, belastenderen Situationen. Einerseits wirkt der Roman dadurch wirklich hoffnungs- und trostspendend, andererseits empfinde ich persönlich das Verhältnis aber eben auch ein wenig unausgewogen. Nichtsdestotrotz macht das Geschehen mit einer beachtlichen Anzahl noch zu verknüpfenden Enden ziemlich neugierig auf die Folgebände.
Die Charaktere wirken allesamt sympathisch, wobei ich den Zugang besonders zu Flavio und Max sehr leicht gefunden habe. Flavio beeindruckt mich trotz seiner Jugend mit seiner großen Zielstrebigkeit und beachtlichem Kampfgeist. Julias zweiter Ehemann Max macht einen absolut liebenswerten Eindruck. Mit seiner gelassenen und vernünftigen Art ist er für Julia der Fels in der Brandung, unterstützt sie bei ihren Vorhaben auf ganzer Linie und zeigt ihr in kleinen Gesten immer wieder seine Liebe. Max ist zweifelsfrei mein Favorit. Die emotionale Annäherung an Sophie und Helen fiel mir bis zum Schluss ein wenig schwerer, sodass ich sie beim Lesen eher etwas distanziert wahrgenommen habe. Julia dagegen habe ich als Protagonistin gut kennengelernt. Alle drei Freundinnen gehen ihrem Beruf mit großer Leidenschaft nach: Sophie in der Modebranche, Helen als Buchhändlerin und Julia als Goldschmiedin und auch die Kinder der drei haben beinahe zeitgleich das häusliche Nest verlassen. Allerdings gehen die drei Frauen sehr unterschiedlich mit der Situation um: Sophie sieht die Situation recht gelassen. Sie stürzt sich mit voller Energie in die Arbeit und leidet eher unter ihrer spürbaren Ehekrise. Als alleinerziehende Zwillingsmutter hatte Helen in den letzten fast zwanzig Jahren kaum Zeit für sich und genießt es nun endlich ihre eigenen Bedürfnisse in den Vordergrund stellen zu können. Julia hat zweifelsfrei die größten Probleme damit loszulassen. Oft interpretiert sie zu viel in eine Situation hinein oder fühlt sich schnell im Stich gelassen. Was auf den ersten Blick ein wenig egoistisch wirkt, geht jedoch auf eine traumatische Erfahrung in ihrer Kindheit zurück. Trotz ihrer Schwierigkeiten bemüht sich Julia sehr, die Situation zu meistern und das Beste daraus zu machen. Zwar könnte man meinen, dass die drei Freundinnen mit Ü40 durchaus schon über eine gewisse Reife verfügen, stattdessen wirken sie vor allem bei der gemeinsamen Bergtour eher wie etwas naive und recht unbeholfene Teenager.
Obwohl das Buch mich nicht gänzlich überzeugen konnte, hatte ich eine sehr angenehme und entspannte Lesezeit. Vor allem den lebendigen, detailreichen Schreibstil und die Alltagsnähe in der Handlung haben mir sehr gefallen.