
Besprechung vom 02.02.2026
Am besten laut lesen
Die Wiederauferstehung St. Paulis aus dem Geiste des Jazz: Robert Brack weiß, wie man einen Krimi in ein Stück Bebop verwandelt.
Hier ist alles unter jedem Niveau, und das will man so." Hier - das ist in "Die nackte Haut" der Hamburger Stadtteil St. Pauli, und die meisten Leute, die dort Anfang der Fünfzigerjahre um die Häuser ziehen, stellen sich unter einem guten Abend eher keinen gepflegten Absacker im Jazzclub vor.
Aber für Martha gibt es kaum eine glücklichere Fügung, als dass auf der Reeperbahn die Bohemia Bar eröffnet. Nach Kriegsausbruch ist die frühere Ikone der deutschen Swing-Jugend in die USA gegangen, hat in New York City eine Platte mit Jazz-Standards aufgenommen, doch der Erfolg schützt vor toxischen Managern nicht. Also ist sie zurück in der Hansestadt, will eine eigene Combo gründen und träumt von Aufnahmen für den Rundfunk, hängt aber erst mal als Barpianistin in einem Hotel auf dem Kiez fest, zuständig für das allabendliche Hintergrundgedudel.
Der neue Krimi des Hamburger Autors und Übersetzers Robert Brack ist lose vom Leben der Leipziger Pianistin Jutta Hipp inspiriert, die im alliierten Bombenhagel lieber illegale Platten hörte, statt in den Keller zu flüchten. Als erste Europäerin erhielt sie einen Plattenvertrag mit dem renommierten Jazzlabel Blue Note Records, gab ihre Karriere jedoch 1958 abrupt wegen einer unglücklichen Kombination aus Lampenfieber, Alkoholproblemen und zwischenmenschlichen Enttäuschungen auf und fiel bald dem Vergessen anheim. Brack formt ihre Umrisse zu einer Figur, die ihre Vergangenheit in einem Land aufarbeiten will, das zu dieser Zeit absolut alles will, außer weiter der Vergangenheit nachzuhängen.
Martha verliebt sich in einen drogenabhängigen Cello-Virtuosen, der sich das Scheinwerferlicht als desertierter GI eigentlich nicht leisten kann, sie gerät in gewalttätige Razzien und Kneipenprügeleien, fahndet in den Ruinen der Stadt nach einer verschwundenen Minderjährigen und deren Kidnapper und begegnet alten Freunden mit offenen Rechnungen.
"Die nackte Haut" empfiehlt sich nicht in erster Linie wegen des Krimiplots; der ist eine rasche Abfolge und zuweilen auch ein schönes Durcheinander aus zwar überbordend lebensvollen, oftmals aber unterentwickelten Ideen. Wie Robert Brack allerdings das Verbrechen mit der Stadtgeschichte und dem Rhythmus des Jazz an der Schwelle vom Untergrund zur Kunstwerdung miteinander verknüpft, ergibt dennoch eine schier unwiderstehliche Mixtur. Womöglich ist der Funke bei der Arbeit an "Viper's Dream" übergesprungen, dem jüngsten Roman des in Paris lebenden US-Schriftstellers Jake Lamar, den Brack für den deutschen Buchmarkt entdeckte und nun nach und nach übersetzt.
In seinen eigenen Werken arbeitet der gebürtige Fuldaer vorzugsweise die Geschichte seiner Wahlheimat an der Elbe auf, in "Blutsonntag" etwa die Kämpfe am Rande eines 1932er SA-Marsches durch Altona oder zuletzt in "Schwarzer Oktober" den Hamburger Aufstand von 1923. "Viper's Dream" hingegen ist ein Noir, angesiedelt in den von Jazz und Heroin durchpulsten Venen Harlems und mit einem Protagonisten als dem Herz der daraus resultierenden Gewalt; ein alternder Gangsterboss, der nie um die Musik herumgekommen ist. Bracks Hauptfiguren sind zuallererst Jazzmusiker, die nicht um die Gewalt herumkommen.
In "Die nackte Haut" schwingt das Elend der Nachkriegsjahre mit, das die Menschen in St. Paulis schmuddelige Aufwärmhallen und zu störrischer Ellenbogenmentalität treibt, während eine Handvoll Kriegsgewinnler die verbliebenen Lücken im Stadtbild untereinander aufteilt. Trotzdem ist Martha im Höhenflug, berauscht von den innovativen Kompositionen ihres Cellisten: "Wenn du von den Melodielinien der einzelnen Instrumente aus denkst und die Töne sich frei zueinander ordnen, hast du unendliche Möglichkeiten, alles bleibt offen." Die offenen Harmonien des Bebop übernimmt Robert Brack für "Die nackte Haut", erhebt die Improvisation, das Spielerische, die rhythmische Freiheit zum erzählerischen wie sprachlichen Prinzip. Da beschreibt er einen Schaukampf derber Ringerinnen, und plötzlich gehört der Jazz doch zu St. Pauli: "Die wogende Menge, die aufgerissenen Münder, das schrille Lachen, das ohrenbetäubende Raunen, irgendeine blödsinnige Blaskapelle, das Stupsen und Stoßen und Rempeln." Man möchte das am liebsten laut lesen, um in den Takt zu kommen, wie beim Scatting, nur eben mit Zusammenhang.
Dazu das Anzügliche des Jazz, aufs Köstlichste der Sachlichkeit der deutschen Sprache abgetrotzt: "Der sanfte Mechaniker", erinnert sich Martha an ihren letzten Liebhaber, "der bei jeder Maschine den entscheidenden Punkt ertasten konnte, die Mulde, die Delle, die leichte Unwucht, die es zu korrigieren galt, damit alles rund lief." Kaum ein Schriftsteller hierzulande hat das dem weltweiten Erfolg des Jazz nach Kriegsende eingeschriebene Versprechen zu fassen bekommen wie Brack, den Bruch mit der weißen Hegemonie in der Kunst und ihrer Deutung, ein Gegenentwurf zu provinzieller Tristesse und Spießertum, die Melancholie im Wissen darum, dass dieses Versprechen nie vollständig eingelöst werden konnte. KATRIN DOERKSEN
Robert Brack: "Die nackte Haut". Kriminalroman.
Edition Nautilus, Hamburg 2026. 216 S., br.
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