TL;DR: Lies dieses Buch, trust me. Du findest in diesem facettenreichen Roman sicherlich etwas, was auch dich fasziniert und fesselt.
In "VIOLET" nimmt uns I.B. Zimmermann in seinem Urban Funtasy Universum mit in das Leben von Violet, Wasserhexe mit ADHS, Autismus und Burnout, die mitten im Chaos des Zombieproblems Berlins mit dem Totengott Thanatos zusammenstößt. Und bei eigensinniger Magie hat ein Pakt Risiken und Nebenwirkungen, aber weder Packungsbeilage, noch Ärztin, Arzt oder eine Apotheke zum Nachhaken.
Ich bin mit großen Erwartungen und voller Vorfreude in dieses Buch abgetaucht und meine Erwartungen wurden dennoch übertroffen.
Ich bekomme nicht genug von diesem Universum und war von Beginn an in Zimmermanns Worldbuilding verliebt. Der genreübergreifende Entwicklungsroman voll von Spannung, Romance, Humor und Krimi taucht ein in ein Universum, das unserem nicht so unähnlich ist - abgesehen davon, dass nun mal alle Mythen und Sagen und Glauben und Märchen wahr sind. ALLE. Dementsprechend ist Märchenlogik an der Tagesordnung, aber Zimmermann schafft es dennoch, ein lebendiges Verständnis für diese Welt aufzubauen. Zumindest soweit es Violet, und somit uns, möglich ist. Auch findet er für so manches irdisches Chaos unserer Realität eine übernatürliche Erklärung, die sich wunderbar in die Welt von Violet eingliedert.
Obwohl "VIOLET" ein Entwicklungsroman ist, verliert Zimmermann nicht seinen Humor. Popkulturreferenzen finden ihren Weg in die Geschichte und auch zwischen Krisensituationen und Szenen, in denen der Text von den aufsteigenden Tränen unleserlich wird, schafft er es, einen zum Schmunzeln zu bringen.
Das Genre- Verzeihung. Die Genres sind mit Raffinesse in ihrer Vielfältigkeit ineinander verwoben und Handlungsstränge folgen keinem gewohnten Muster. Das Buch ist unfassbar spannend und ich habe es fast nicht aus der Hand legen können, da wir in der Achterbahn der Gefühle von einem Spannungsbogen zum nächsten getragen, und wirklich überrascht werden.
Der Schreibstil ist erzählerisch und lebendig - ich empfinde I.B. Zimmermann als den Meister des "show, don't tell". Manche Sätze haben mich allein in ihrer poetischen Formulierung gerührt und sich ins Gedächtnis gebrannt.
Er schafft Charaktere und Geschichten, die sich einfach ECHT anfühlen. Greifbar. Es wirkt nicht, wie eine Geschichte, die sich ausgedacht und aufgeschrieben wurde, sondern wie ein beobachtendes Miterleben des Lebens von autonom handelnden Charakteren, die alle mit ihren eigenen Persönlichkeiten und Bestreben in dieser wundersamen Welt existieren. Das Leben folgt nun mal nicht EINEM Genre, sondern ist vielfältig und unberechenbar. So auch die Geschichte von Violet.
Die Vielfältigkeit der Themen in dieser Geschichte hat mir sehr zugesagt (wobei das sicherlich auch Geschmacksache ist, wer nach einem berechenbaren Genrebuch sucht, ist hier falsch) und ich habe großen Respekt davor, wie sehr sich bemüht wird, das Buch accessible zu gestalten. Eine Themengewichtung, die einen guten Eindruck der Atmosphäre schaffen kann, findet sich zu Beginn des Buches und ausführlichere Content Notes sind bei Bedarf am Ende des Buches zu finden.
Auch führt die Vielfalt der Genres und Themen dazu, dass ich mir keine Person vorstellen kann, die keinen Anschluss an diese Geschichte findet. Wer Krimis, Fantasy, interessantes Worldbuilding, Romance, Selbstfindung, Repräsentation, Humor, Popkulturreferenzen, Schnittstellen mit und Kritik an unserer momentanen Weltlage, Berlin, Frauen, Männer, Queerness, Kunst und und und mag, findet hier potentiell ein Buch mit Suchtfaktor.
Besonders möchte ich dieses Buch allen ans Herz legen, die von Neurodivergenz betroffen sind, mit ihr in Berührung kommen oder sich grundsätzlich dafür interessieren. Besonders ADHS und Autismus, aber auch OCD, PTBS, Depressionen und sonstige Komorbiditäten sind fantastisch repräsentiert und gut recherchiert. Ob man sich als betroffene Person in den Problemen des Aufeinandertreffens der eigenen Neurologie mit einer Welt, die nicht darauf ausgelegt ist, wiederfindet oder sich als Angehörige, Freund*innen und Familie, Erziehende oder Lehrende mit Neurodivergenz beschäftigen möchte: dieser Roman ist eine gute Möglichkeit.
Und es gibt Graphic Novel Seiten hinten im Buch!...