Mittlerweile sind wir beim dritten Band der "Zwei Leben" Reihe von Astrid Korten angekommen, und ich habe mich richtig auf dieses Buch gefreut. Die Geschichten lassen sich unabhängig voneinander lesen, aber sie alle eint, das die Menschen über verschiedene Zeitebenen miteinander verbunden sind."Zwei Leben Geliebter Feind" führt uns nach München in zwei Zeitebenen: 1944 und 2019. In München 2019 begegnen wir Marlene Praysang, einer 93 Jahre alten Frau, die sich lange dagegen gewehrt hat, "alt" zu werden. Nun merkt sie, dass sich ihr Alter nicht mehr leugnen lässt, und mit dem Alter kehren Erinnerungen zurück, die sie viele Jahre verdrängt hat. Man spürt, wie schmerzhaft diese für sie sind, und genau dort beginnt die eigentliche Geschichte.Wir blicken zurück in die 1940er Jahre: Marlene ist eine junge Frau, die dazu gedrängt wird, den wohlhabenden Justus von Meulenbach zu heiraten, um ihre Familie vor dem finanziellen Ruin zu bewahren. Was zunächst wie eine pragmatische Lösung erscheint, gerät aus den Fugen, als ein britisches Kampfflugzeug über dem Familienanwesen abstürzt und der Pilot überlebt. Marlene versteckt ihn, obwohl sie sich damit in große Gefahr bringt. Die Erinnerungen an diese Zeit hat sie verdrängt, da sie zu schmerzlich für sie waren.Parallel dazu lernen wir Delphine kennen, eine junge Journalistin, die in einer alten Kommode eine Tabakdose im doppelten Boden entdeckt. Dieser Fund weckt ihre journalistische Neugier, und sie beginnt, Nachforschungen anzustellen. Sie schaltet eine Anzeige, hofft auf Hinweise, und so wird die Geschichte der Vergangenheit plötzlich in die Gegenwart gezogen wo sich die Wege der beiden Frauen kreuzen. "Zwei Leben Geliebter Feind" ist ein historischer Roman, der mich in die Atmosphäre der Kriegszeit hineingenommen hat, ohne dass er sich in reinen historischen Fakten verliert. Was mir besonders gut gefallen hat, ist die Figurenzeichnung von Marlene. Astrid Korten zeigt sie nicht als naiv romantische Heldin, sondern als eine junge Frau mit Zweifeln, Schuldgefühlen und moralischen Nöten. Man erlebt mit ihr, wie schwer es ihr fällt Entscheidungen zu treffen, wenn jede Option andere in Gefahr bringt.Die historische Umgebung ist dicht und atmosphärisch, ich fühlte mich hineinversetzt in diese düstere Zeit. Die Spannung wächst nicht nur aus den offensichtlichen Gefahren, sondern aus den leisen Tönen: die Angst hinter verschlossenen Türen, die unterschwellige Wut, das Schweigen an Familientischen. Man spürt, wie angespannt die Atmosphäre in solchen Zeiten ist, wo ein falscher Blick oder ein überflüssiges Wort über Leben und Tod entscheiden kann.Sprachlich ist der Roman klar und flüssig, wie ich es von Astrid Kortens Geschichten gewohnt bin. Die Kapitel sind kurz, der Wechsel zwischen Delphine und Marlene sorgt für einen guten Lesefluss. Wer wie ich Figuren mag, die man begleiten und kennenlernen kann, wird sich schnell in Marlene hineinfühlen. "Zwei Leben Geliebter Feind" ist kein Krimi aber er hat durchaus kriminale Spannung: Es geht um Verrat, Verfolgung, und um das Risiko, dass jede Entscheidung fatale Folgen haben kann.