Prädikat: Wertvoll!
Ich muss vorab sagen, dass ich nie die Klappentexte lese und daher nie weiß, worauf ich mich bei einem neuen Buch so einlasse. Der Titel des Buches "Voll im falschen Film" passt zum Buch wie die buchstäbliche Faust aufs Auge. Und zwar gleich zweifach. Nora Stern war eben noch im Park joggen und erwacht im nächsten Moment in einem ihr völlig fremden Keller im Stile der 90er Jahre. In diesem Keller gibt es neben köstlichem Essen nur Alkohol. Als der Durst zu groß wird, wirft sie sämtliche Weisheiten, die sie sich in einer Entzugsklinik aneignen konnte, über Bord und greift zur Flasche - um im nächsten Moment wieder auf der Wiese im Park zu erwachen. Zunächst denkt sie an einen Albtraum - nur passt der immens vorhandene Suchtdruck nicht zu einem Traum. Als sie diesem erliegt und Weißwein an einer Tankstelle kaufen möchte, wird sie von einem Paparazzo angesprochen und fotografiert. Als Filmsternchen mit bekannter Vergangenheit als Alkoholikerin darf dieser Skandal natürlich nicht an die Presse gelangen. Sie begibt sich auf die Suche nach der Wahrheit - hat sie den Aufenthalt im Keller nur geträumt und nutzt sie diese Geschichte als Ausrede, rückfällig geworden zu sein? Oder hat sie wirklich jemand in einem Keller eingesperrt und ihr den Alkohol aufgezwungen und sie so wieder süchtig gemacht? Ein Wettlauf gegen die Zeit mit der Frage, wem sie wirklich trauen kann.Wiebke Lorenz schreibt mit "Voll im falschen Film" eine großartig recherchierte Geschichte über Suchterkrankungen, in diesem Fall über die Alkoholsucht. Sie hat mich auf eine Weise getroffen, die ich vorher nicht erwartet hätte. Gerade weil in meiner Familie mehrere Menschen mit einer Suchterkrankung leben, hat mir das Buch geholfen, vieles besser zu verstehen ¿ nicht nur die äußeren Abläufe, sondern auch die inneren Kämpfe, die Unsicherheiten und die Mechanismen, die Sucht so hartnäckig machen.Alkoholismus ist wirklich komplex. Es geht nicht einfach darum, "zu viel zu trinken". Es geht um Muster, die sich über Jahre entwickeln, um Versuche, Schmerz zu betäuben, um familiäre Dynamiken, die sich gegenseitig verstärken, und um das Gefühl, in einem Strudel zu stecken, aus dem man allein kaum herauskommt. Wiebke Lorenz beschreibt mit den Gedanken von Nora, wie viel Scham, Angst und gleichzeitig Sehnsucht nach Kontrolle in einer Sucht stecken können. "Voll im falschen Film" hat mir wirklich gut gefallen.