Ausgangslage:
Im zweiten Band der Licht im Dunkeln-Reihe übernimmt ein Antagonist die Hauptrolle, der für sein Leben gerne mit Frauen flirtet. Da ich eine Leserin bin, die eher weniger zu Büchern mit viel Spice greift, war ich anfangs skeptisch, ob mir das Buch gefallen könnte oder nicht. Aber der Ansatz der Autorin mit dem waswärewenn Prinzip und das Thema des Buches, hinter Masken zu blicken, haben mich gelockt, deshalb habe ich das Lese-Experiment in Angriff genommen.
Mein Leseerlebnis:
Besonders bei Reihen mit mehreren Teilen ist es immer schön, in die bereits einmal besuchte Buchwelt zurückzukehren und bekannte Gesichter wiederzusehen. Ein fröhlich winkender Mephisto im Hintergrund hat mich sofort zum Schmunzeln gemacht. Auch die Streitgespräche zwischen Baal und Mephisto, die zu keinem sinnvollen Ergebnis führen, weil beide nur aneinander vorbeireden, sind unglaublich unterhaltsam zu lesen. Man will einfach, dass sie sich streiten, weil dann mit Sicherheit etwas Lustiges passiert. Trotzdem wollen, oder eher gesagt müssen, sie einander bei Gefahr retten, weil sie die einzigen sind, die die Sicherheit ihres Heimatlandes gewährleisten können. Zwei Dämonen, die mich ebenfalls sehr gut unterhalten haben, waren Crobor und Otkin. Mit ihren Streichen gegen Baal haben sie mich ein wenig an die Lausbuben Max und Moritz erinnert. Gute Pläne, Umsetzung mit Verbesserungspotential.
Es war etwas ungewöhnlich, die Geschichte aus der Perspektive eines Antagonisten zu erleben, weil er von seinen Gedankengängen her ganz anders gestrickt ist als ein durch und durch guter Charakter. Hier und da gab es Stellen, wo ich den Kopf über sein Verhalten geschüttelt habe. Aber dann gab es auch wiederum Stellen, wo in Baals Vergangenheit oder hinter seine Fassade geblickt wurde und ich besser verstand, was hinter seinem Verhalten steckt. Man sollte sich beim Lesen vor Augen halten, dass Baal bestimmte Verhaltensweisen in die Wiege gelegt wurden, wegen seiner dämonischen Abstammung, und dass viele Verbrechen, die er begeht, in der Welt der Dämonen Kleinigkeiten oder sogar Wohltaten sind. Es braucht ein paar Seiten, bis man sich an diese fremde Denkweise gewöhnt hat, weil man eben nicht alle Tage Bücher aus der Perspektive eines Schurken liest. Ich fand es mit der Zeit sehr spannend zu erkennen, dass Baal durch seine dämonische Erziehung auch teilweise blind für manche Gefühle war oder sie nicht richtig einordnen konnte. Das hat mir gezeigt, dass ich es nicht mit einem eiskalten Schurken zu tun habe, und dass der Dämon doch mehr Menschlichkeit in sich hat oder haben könnte, als ihm selbst lieb wäre. Dass die Handlungen des Schurken psychologisch hinterfragt werden, ist ein sehr schöner Ansatz und verleiht dem Charakter und der Geschichte viel Tiefe.
Die vielen leidenschaftlichen Szenen beherrschen definitiv das Buch, was natürlich stark mit Baals Charakter und seinen dämonischen Kräften zusammenhängt. Anfangs haben sie mich etwas gestört, aber mit der Zeit habe ich gemerkt, wie wichtig diese Szenen für die Auseinandersetzung des Schurken mit seinen eigenen Wünschen ist. Deshalb habe ich sie rückblickend mit anderen Augen gesehen.
Trotz der Schwierigkeiten bei der Protagonisten-Identifikation konnte ich dennoch mit Baal mitfiebern und mitfühlen. Besonders seine Abscheu gegenüber den fanatischen Menschen, die alle Zauberwesen vernichten wollen, konnte ich sehr gut nachvollziehen. Er ist sehr vorlaut und sagt manchmal Dinge, die beleidigend sind, aber im Grunde genommen trifft er den Nagel auf den Kopf.
Der Erzählstil ist handlungsorientiert, wodurch man schnell in ein gutes Lesetempo verfällt. Es gibt keine überflüssigen Beschreibungen, die einen beim Lesen aufhalten. Da immer irgendetwas Dramatisches oder Unterhaltsames passiert, liest man gerne weiter. Die Atmosphäre im Buch ist etwas ruhiger als in Band 1, und es gibt weniger Handlungsstränge, die nebeneinander herlaufen. Der Fokus liegt trotz der wechselnden Perspektive die ganze Zeit auf Baal.
Ich habe die Geschichte als tragisch empfunden, doch konnte sie trotzdem mit einem Lächeln auf den Lippen beenden. Die Ereignisse am Ende kamen unerwartet und haben mich schockiert, gleichzeitig fand ich das Ende sehr stark und tiefgründig, weil nochmal genauer auf die Dynamiken zwischen den Charakteren und hinter die Maske von Baal geblickt wurde. Doch für meinen Geschmack war es ein wenig zu abrupt vorbei. Ich finde es deshalb sehr schön, dass am Ende noch eine neue Geschichte angeteasert wird, die vermutlich ebenfalls in derselben Buchwelt spielen wird, so wie ich es verstanden habe.
Mein Fazit:
Eine Geschichte, deren Botschaft man erst versteht, wenn man sie zu Ende gelesen hat. Sie macht Spaß zu lesen und fordert den Leser gleichzeitig dazu auf, Handlungen und Charaktere zu hinterfragen, was für mich eine gute Geschichte ausmacht.