Perfekte Balance zwischen Witz und Ernsthaftigkeit, wenn man sich durch die ersten 50 Seiten gekämpft hat.
Der Hauptcharakter von "Project Hail Mary" wacht zu Beginn aus dem Koma auf und kann sich erstmal an nicht viel erinnern. Er hat ein grobes Verständnis seiner Identität, dass er ein Wissenschaftler ist und mit welchen Sachen er sich auskennt, aber an alle expliziten Infos über sich selbst und sein Leben vor diesem Moment erinnert er sich erst nach und nach wieder. Selbst sein Name, Ryland Grace, fällt ihm erst nach einiger Zeit wieder ein.Während er darauf wartet, dass seine Erinnerungen wieder hochkommen, bleibt er aber nicht untätig sitzen. Er findet selbst heraus, wo er ist (im Weltall, in einem Raumschiff) und dann mit unvollständigen Informationen aus seinen ersten Erinnerungen, was er dort macht (eine Lösung für das Problem finden, das die Erde bzw. die Sonne plagt).Nach einiger Zeit trifft er auf Rocky, ein Alien, das aus dem gleichen Grund wie er dort ist, um seinen eigenen Heimatplaneten zu retten. Beide haben den Rest ihrer Crew verloren und müssen nun alleine an dem Problem arbeiten und nachdem sie es geschafft haben, miteinander zu kommunizieren, nehmen sie sich vor, gemeinsam ihre Heimatplaneten zu retten.Währenddessen erinnert sich Grace Stück für Stück immer mehr an seine Vergangenheit und wie es dazu gekommen ist, dass er sich im Weltall wiederfindet.Ich bin ein großer Fan von Geschichten, die in zwei Zeitlinien erzählt werden und "Project Hail Mary" hat das wieder toll ausgeführt. Im Gegenwarts-Handelsstrang sehen wir Ryland Grace und später auch Rocky an einer Lösung des Problems arbeiten und im Vergangenheits-Strang sehen wir wie es dazu gekommen ist, dass Grace überhaupt an dem Projekt arbeitet, die Hintergrundinfos zum Projekt und zum Problem, sowie wie es letztlich dazu gekommen ist, dass Grace sich im All wiederfand. Die Informationen wurden in einem recht gleichmäßigen Tempo offenbart, sodass es sich nicht zu einfach angefühlt hat, wann die Infos Grace klar wurden, aber trotzdem so, dass es für die Lesenden sehr gut gepasst hat, wann die Infos aus der Vergangenheit in die aktuelle Handlung gestreut wurden.Mir haben die Charakterdynamiken in diesem Buch sehr gefallen. Die leichte und meist respektvolle Art wie Grace und der Rest des Hail-Mary-Teams miteinander umgegangen sind, die komplizierte Beziehung zu der unnahbaren Eva Stratt, die Freundschaft, die sich zwischen Grace und Rocky bildet und von deren Kultur- und Speziesunterschieden geprägt ist. Auch wenn Grace doch durchaus viel der Handlung alleine verbringt, ist die Handlung zersetzt mit Verbindungen zu Leuten, die Grace wichtig sind und denen durchaus Grace auch wichtig ist. Bücher können mich recht einfach mit guten Charakterinteraktionen abholen und dieses Buch trifft auch darin voll meinen Geschmack.Ich bin selbst nicht die richtige Art von Wissenschaftlerin, um nachzuvollziehen, ob die Wissenschaft hierin Sinn ergibt (und zu schlecht im Kopfrechnen, um die Basis-6-zu-Basis-10-Umrechnung und andersherum im Kopf zu nachzuvollziehen), also habe ich nur die Fourier-Transformierte wiedererkannt und das war zu angewandt für mich, aber ich habe den Film mit einem Meteorologen gesehen und das Buch von einem Physiker empfohlen bekommen und beide klangen zufrieden mit der verwendeten Physik, also habe ich Vertrauen darin, dass die echte Wissenschaft hierin so zuverlässig ist wie sie klingt. Natürlich muss science-fiction aber auch fiktive Wissenschaft haben, die darüber hinaus geht, aber in diesem Buch ist sie sehr stark in unsere echte Wissenschaft eingebettet, was mir sehr gut gefallen hat, auch wenn ich persönlich über die Richtigkeit nichts aussagen kann und mich auf die Urteile der Menschen um mich herum verlassen muss.Meine einzige Kritik an dem Buch ist, dass der Anfang zu sehr versucht lustig zu sein, auf eine Art, die zulasten der Handlung geht. Klar, Ryland Grace ist ein Charakter, der durchaus mal Humor verwendet, um mit schlechten Erfahrungen umzugehen, aber der Beginn des Buches schien sagen zu wollen "Kuck mal, wie lustig ich bin, du solltest unbedingt weiterlesen", was mich eher abgeschreckt hat, da ich am Anfang den Graben zwischen dem Humor und der Handlung sehr groß fand. Nach ca. 50 Seiten hatte sich das aber eingependelt und das Buch eine perfekte Balance zwischen Humor und Ernsthaftigkeit gefunden, die mir sehr gefallen hat. Trotzdem habe ich am Anfang eben ca. 50 Seiten gehabt, in denen ich mir nicht sicher war, ob ich dieses Buch beenden würde, da ich fand dass der Humor die Handlung zu sehr forciert ins Lächerliche gezogen hat. Zum Glück hielt das nicht lange an und der spätere Humor hat mir sehr gut gefallen. Es gibt viel ernstes in diesem Buch und Grace und Rocky befinden sich in einer schwierigen Situation, aber trotzdem wird die Geschichte mit viel Witz und zum Teil auch Leichtigkeit erzählt.Insgesamt gebe ich dem Buch also 4 von 5 Sternen, der Abzug für den Anfang, der mich beinahe abgeschreckt hat und wahrscheinlich sogar endgültig abgeschreckt hätte, wenn ich nicht zwei Empfehlungen für dieses Buch bekommen hätte.