Eine Geschichte, die mich nicht mehr losgelassen hat¿
Es gibt Bücher, die man liest, und Bücher, die einen auf eine ganz besondere Weise berühren. "Im Silberlicht der Angst" gehört für mich definitiv zur zweiten Kategorie. Denn obwohl Annes Geschichte natürlich ihre ganz eigene ist, gab es Momente, in denen ich mich in ihren Gefühlen wiedererkannt habe. Ohne dabei zu sehr ins Persönliche gehen zu wollen: Ihren Schmerz, die Enttäuschung und vor allem den Verrat konnte ich unglaublich gut nachempfinden. Vielleicht hat mich ihre Geschichte gerade deshalb so wenig losgelassen.Anne Heldt befindet sich in einer psychiatrischen Klinik, nachdem ihr Leben innerhalb kürzester Zeit vollkommen aus den Fugen geraten ist. Nach und nach erfahren wir, was sie an diesen Punkt gebracht hat. Da ist ihre Beziehung zu Stefan, der ihr zunächst verschweigt, dass er verheiratet ist und zwei Kinder hat. Trotzdem lässt Anne sich auf ihn ein - bis sie schließlich herausfindet, dass er sie ausgerechnet mit ihrer besten Freundin Eva betrügt.Doch damit nicht genug. In Annes Alltag geschehen zunehmend merkwürdige Dinge. Ein Stuhl steht plötzlich anders, ein fremder Duft liegt in der Luft, Gegenstände befinden sich nicht mehr dort, wo sie sein sollten. Als schließlich ein Paket mit einem toten Vogel bei ihr ankommt, wird aus einem unguten Gefühl echte Angst.Aber kann Anne ihrer eigenen Wahrnehmung überhaupt noch vertrauen?Genau mit dieser Frage spielt der Roman sehr geschickt. Als Leser erlebt man die Geschichte überwiegend aus Annes Ich-Perspektive und ist dadurch unglaublich nah an ihr. Ich habe ihre Unsicherheit gespürt, ihre Gedanken verfolgt und immer wieder selbst gezweifelt: Passiert das alles wirklich oder verliert Anne zunehmend den Halt?Besonders spannend fand ich die kurzen Passagen aus einer anderen Perspektive. Sie lassen erahnen, dass hinter den Ereignissen tatsächlich mehr steckt, verraten aber lange nicht genug, um das ganze Ausmaß zu durchschauen. Dadurch blieb bei mir ständig dieses Gefühl, dass etwas nicht stimmt.Auch die verschiedenen Zeitebenen haben mir gefallen. Während Anne sich in der Gegenwart in der Klinik befindet, führen ihre Erinnerungen Stück für Stück zurück zu den Ereignissen, die sie dorthin gebracht haben. So setzt sich ihre Geschichte langsam wie ein Puzzle zusammen.Nicht jede Passage konnte mich dabei gleichermaßen fesseln. Einige Therapiegespräche und auch manche sehr ausführlichen Gedankengänge Annes waren mir persönlich etwas zu lang und zogen sich stellenweise. Gerade weil man so intensiv in ihrem Kopf steckt, hätte ich mir an einigen Stellen eine etwas straffere Erzählweise gewünscht.Trotzdem konnte ich das Buch nicht einfach zur Seite legen. Dafür war ich emotional viel zu nah an Anne. Ihre Verletzlichkeit, ihre Selbstzweifel und vor allem die Frage, was Verrat mit einem Menschen machen kann, haben mich sehr beschäftigt.Der Schreibstil trägt viel dazu bei. Angst wird nicht einfach nur beschrieben, sondern beinahe körperlich spürbar. Gleichzeitig fand ich die "Abers und Achs", Annes personifizierte Selbstzweifel, besonders gelungen. Sie machen auf eine sehr bildhafte Weise deutlich, wie sehr sie mit sich selbst und ihren Gedanken kämpft.Mein Fazit"Im Silberlicht der Angst" ist für mich nicht einfach nur ein psychologischer Spannungsroman. Es ist eine Geschichte über Vertrauen und Verrat, über Manipulation, Selbstzweifel und darüber, wie schnell man beginnen kann, der eigenen Wahrnehmung nicht mehr zu trauen.Auch wenn mir manche Therapiegespräche und Gedankengänge etwas zu ausführlich waren, hat mich Annes Geschichte nicht losgelassen. Vielleicht auch deshalb, weil einige ihrer Gefühle für mich näher waren, als ich zunächst erwartet hatte. Ihren Schmerz und die Enttäuschung konnte ich sehr gut nachempfinden - und genau diese emotionale Nähe hat das Buch für mich zu einem besonderen Leseerlebnis gemacht.