Ruhiger Nordseekrimi mit starkem Fall rund um Glaube und Mobbing, der mich emotional berührt und bis zum Schluss überrascht hat.
Ich habe den zweiten Fall rund um die Inselkommissarin gelesen und war von der Geschichte sehr gefesselt. Das vermisste Mädchen, die Suche auf der Nordseeinsel und schließlich der Leichenfund am Strand haben bei mir sofort eine bedrückende, dichte Stimmung erzeugt. Besonders mochte ich, dass der Fall sich Schritt für Schritt entfaltet und ich nie das Gefühl hatte, die Auflösung schon früh zu durchschauen. Stark fand ich vor allem die Verbindung von klassischer Ermittlungsarbeit mit gesellschaftlich brisanten Themen. Die streng religiöse Familie und die freikirchliche Gemeinschaft bringen einen eigenen Sog mit sich, weil ständig die Frage im Raum steht, ob der Glaube Schutz oder Gefahr ist. Gleichzeitig zeigt die Geschichte sehr deutlich, wie schnell Vorurteile entstehen können, wenn jemand anders lebt als die Mehrheit. Mir hat gefallen, dass die Ermittler immer wieder abwägen müssen, wie weit sie den Verdacht in diese Richtung lenken, ohne eine ganze Gruppe ungerecht an den Pranger zu stellen.Auch das Mobbing, das Maria in der Schule erlebt, hat mich beschäftigt. Die Ausgrenzung wegen der Religionszugehörigkeit und die Enge in der Familie ergeben zusammen ein sehr beklemmendes Bild von ihrem Alltag. Dadurch wirkt der Fall nicht nur spannend, sondern auch emotional intensiv. Die Beziehung zu ihrer Schwester und deren Konflikt mit den Eltern haben für mich zusätzlich Tiefe gebracht, weil deutlich wird, wie sehr Loyalität, Glaube und persönliche Freiheit aufeinanderprallen.Die Ermittlungsarbeit ist eher ruhig und realistisch gehalten. Es gibt viele Gespräche, wiederholte Befragungen und akribische Abgleiche von Spuren. Für mich passt das sehr gut zu dieser Reihe. Ich hatte das Gefühl, echten Polizistinnen und Polizisten bei der Arbeit zu folgen und nicht in einem actionlastigen Fernsehkrimi gelandet zu sein. Im Vergleich zum ersten Band war dieser Fall für mich sogar noch interessanter, weil die Themen Religion und Mobbing dem Ganzen mehr Schärfe und Gewicht geben.Insgesamt hat mich dieser Band emotional mehr gepackt als der Auftakt der Reihe. Der Fall ist komplex, nicht vorhersehbar und greift Themen auf, über die ich auch nach dem Ende noch nachgedacht habe. Trotz kleiner Abzüge bei der Hauptfigur bleibt für mich ein sehr starker Reihenband, der Lust auf die weiteren Ermittlungen macht.