Mehr "Vom Schreiben", als "[...] vom Leben"
Die Geschichten in uns - Benedict Wells über das Erzählen, das Erinnern und das Leben, das dazwischen manchmal zu kurz kommt.Benedict Wells hat sich in seinem Buch etwas vorgenommen, das größer ist als ein einzelner Roman: Er will erklären, warum Geschichten uns überhaupt so tief berühren, warum wir sie brauchen, um uns selbst zu verstehen, und was das Erzählen mit dem Leben verbindet, das ihm zugrunde liegt. Das ist ein ambitionierter Anspruch, und Wells löst ihn über weite Strecken auch ein - mit einem Buch, das persönlicher, offener und reflektierter ist als vieles, was er bisher veröffentlicht hat.Der Titel verspricht ein Gleichgewicht, das der Text nicht ganz einhält. "Die Geschichten in uns" kündigt zwei Bewegungen an: das Schreiben und das Leben, aus dem es entsteht. Tatsächlich aber verschiebt sich das Gewicht spürbar in Richtung Handwerk. Wells seziert Erzähltechniken, denkt über Struktur, Motivik und die Mechanik guter Geschichten nach, zieht Parallelen zu anderen Autoren und Werken, erklärt, wie ein Satz kippt, wie ein Kapitel atmet. Das ist streckenweise faszinierend zu lesen, gerade für alle, die selbst schreiben oder sich für die Werkstatt hinter der Literatur interessieren - aber es nimmt so viel Raum ein, dass das eigentliche Leben, die biografische Substanz, aus der diese Reflexionen doch entstanden sein müssen, zunehmend in den Hintergrund tritt. Man wünscht sich an mancher Stelle mehr von der Verletzlichkeit, die Wells andeutet, aber nicht immer ausformuliert - mehr das Leben selbst als die Theorie darüber.Diese Schieflage schmälert den Wert des Buches nicht grundsätzlich, sie verändert nur seinen Charakter. Wer eine Art literarisches Memoir erwartet, ein Buch, das sich in erster Linie über Erfahrung erschließt, wird streckenweise enttäuscht sein. Wer sich dagegen für Wells als Handwerker interessiert, für seinen Blick auf das eigene Schreiben und das Schreiben allgemein, bekommt ein kluges, oft überraschend präzises Nachdenken über Literatur geboten. Sprachlich bleibt sich Wells dabei treu: klar, zugänglich, nie um einen Effekt bemüht, mit einer stillen Aufrichtigkeit, die auch seine Romane auszeichnet.Am Ende bleibt ein Buch, das mehr "Vom Schreiben" verrät als "[...] vom Leben", aus dem es kommt - interessant, kenntnisreich, aber mit einer Balance, die etwas zu sehr zur einen Seite kippt. Das Buch endet mit einem Zitat von Toni Morrison - und da fühlte ich mich doch sehr angesprochen, da ich es getan habe:"If there's a book that you want to read, but it hasn't been written yet...then you must write it."