
Besprechung vom 03.03.2026
Kein katholisches Lokal für die roten Genossen
Das Verhältnis der SPD zu den Kirchen war lange schwierig, dann wurde sie zu einer protestantischen Partei
Wird eigentlich die Volkspartei SPD den beiden deutschen Großkirchen immer ähnlicher oder die katholische und die protestantische Kirche eher den Sozialdemokraten? Hier wie da ist ein seit Jahrzehnten anhaltender Niedergang der Mitgliederzahlen und Wähleranteile zu verzeichnen, sodass die Worte "Volkspartei" und "Großkirchen" einen Zustand beschreiben, der längst der Vergangenheit angehört. Und hier wie da wird verzweifelt nach einem Rezept zum Wiederaufstieg gesucht.
Das Verhältnis von SPD und Kirchen aber ist gut und weitgehend konfliktfrei. Die SPD-Bundestagsfraktion hat mit dem ehemaligen Bundesminister Hubertus Heil einen eigenen Beauftragten für Kirchen und Religionsgemeinschaften. Der Protestant Heil wiederum gehört dem Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentages an. Zudem gibt es in der Partei einen "Arbeitskreis Christinnen und Christen", dessen Ko-Sprecherin Kerstin Griese zugleich Parlamentarische Staatssekretärin im Arbeitsministerium und Mitglied im Rat der EKD ist. Der SPD-Arbeitskreis kündigt auf seiner Internetseite bereits einen Politischen Abendempfang und einen eigenen Informationsstand auf dem kommenden Katholikentag in Würzburg an, zu dem auch wieder die SPD-Parteiprominenz, ob gläubig oder nicht, erwartet wird. Doch ein so entspanntes Verhältnis hatten die mehr als 160 Jahre alte Arbeiterpartei und die Kirchen nicht immer.
Bernd Weber, studierter katholischer Theologe und ehemaliger Gymnasiallehrer in Münster, zeichnet in seinem Buch die wechselvolle Geschichte der gegenseitigen Annäherung von Sozialdemokraten und den beiden christlichen Kirchen seit dem Kaiserreich nach. Sein Text geht dem Verhältnis von SPD und Kirchen auf einer institutionellen, personellen und inhaltlichen Ebene nach und beruht auf einem 2024 in den "Westfälischen Forschungen" veröffentlichten Aufsatz des Autors, sodass er einen interessanten regionalen Schwerpunkt mit dem Münsterland als einem katholisch geprägten Zentrum hat.
Noch 1910 rief ein Priester hier seine Gläubigen nach der Gründung eines SPD-Ortsvereins von der Kanzel dazu auf, "keinen der roten Genossen in Logis zu nehmen und beileibe kein Lokal für Versammlungen herzugeben". In anderen überwiegend katholischen Orten mussten Sozialdemokraten auch mit dem Verlust ihres Arbeitsplatzes rechnen. In Münster erreichte die SPD bei den Reichstagswahlen 1890 nicht einmal drei Prozent, während sie reichsweit mit gut zwanzig Prozent zum ersten Mal stärkste politische Kraft wurde.
Die katholische Kirche und die Sozialdemokratie wurden in den Jahren zuvor beide von Bismarck als Reichsfeinde bekämpft, wobei SPD-Urgestein August Bebel den Kulturkampf ablehnte und die Zentrumspartei als politischer Arm des Katholizismus den Sozialistengesetzen im Reichstag ihre Zustimmung verweigerte. Zu einer Solidarisierung führte der gemeinsame Pariastatus aber nicht. Mit der Enzyklika "Rerum Novarum" von Leo XIII. von 1891 adressierte die Amtskirche erstmals die soziale Frage und die Arbeiterschaft, das Kernklientel der SPD. Das Parteiorgan "Vorwärts" schmähte die päpstlichen Forderungen nach Arbeitnehmerrechten damals als "mehr als zahm".
Am Ende des Weltkrieges 1918 kamen die Sozialdemokraten erstmals in die Regierungsverantwortung, und nach den Wahlen zur verfassungsgebenden Nationalversammlung vom Januar 1919 bildeten sie gemeinsam mit dem katholischen Zentrum und der liberalen DDP eine Koalition, auch wenn die Katholiken in Münster zuvor in einem Wahlaufruf noch in drastischen Worten gewarnt worden waren: "Die sozialdemokratische Partei ist religionsfeindlich, von ihr geht der Ansturm aus, der uns droht." Doch in der Weimarer Reichsverfassung trugen die Sozialdemokraten alle Bestimmungen mit, die den Kirchen verfassungsmäßige Rechte einräumten.
Im Hauptteil seiner zitatreichen und im Detail nicht fehlerfreien Arbeit (Gustav Heinemann war 1949/50 Bundesinnen-, nicht -justizminister; Kurt Schumacher fehlte im ersten Bundestag nicht eine Stimme zur Wahl als Bundeskanzler, er stand überhaupt nicht zur Wahl; Johannes Rau starb als Bundespräsident nicht im Amt, sondern gut eineinhalb Jahre nach dem Ende seiner Amtszeit im Januar 2006) geht Weber auf die Beziehung der SPD und der Kirchen in der Bundesrepublik ein.
1958 kam es in der katholischen Akademie München bei einer Konferenz zum Thema "Christentum und demokratischer Sozialismus" zu einem denkwürdigen Zusammentreffen hochrangiger Vertreter beider Seiten (darunter Bundestagsvizepräsident Carlo Schmid von der SPD), das Kanzler Adenauer im Vorfeld durch eine Intervention beim Münchner Erzbischof erfolglos zu verhindern versuchte. Das Verhältnis entspannte sich weiter, auch durch das Godesberger Programm von 1959 und infolge des II. Vatikanischen Konzils, sodass 1969 erstmals keine explizite Wahlempfehlung der katholischen Kirche mehr für die Unionsparteien erfolgte. Und nach seinem Wahlsieg 1972 bedankte sich Kanzler Willy Brandt ausdrücklich auch bei "unseren katholischen Landsleuten".
Die SPD wurde zu dieser Zeit aber mehr und mehr zu einer protestantischen Partei, wie Becker mit Bezug auf Aussagen des Kirchenhistorikers Gerhard Besier und des früheren Bundesgeschäftsführers Peter Glotz konstatiert. Deutlich wird dies auch an der ausführlicher referierten Biographie von Gustav Heinemann, des ersten sozialdemokratischen Bundespräsidenten, der in der Nachkriegszeit zahlreiche Ämter und Funktionen in der evangelischen Kirche innehatte.
Problematisiert wird das mittlerweile symbiotische Verhältnis von Sozialdemokratie und Kirchen bei Weber allerdings nicht. Ob inhaltliche Annäherung und institutionelle Verflechtung auch Gründe für den gemeinsamen gesellschaftlichen Bedeutungsverlust sein könnten, wird nur am Rande diskutiert und leider nicht weiter kritisch hinterfragt. RENÉ SCHLOTT
Bernd Weber: SPD und Kirchen im Wandel. Ausgrenzung und Annäherung seit dem Kaiserreich.
Verlag J.H.W. Dietz Nachf., Bonn 2026. 176 S.
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