Bester Bridgerton-Band. Penelopes Empowerment-Reise, Colins Wandel und die legendäre Whistledown-Enthüllung.
Julia Quinn liefert mit "Penelope & Colin" für mich den emotionalen Höhepunkt der Bridgerton-Reihe und gleichzeitig die Vorlage für Netflix Staffel 3. London, 1824, zwölf Jahre nach den ersten Bänden. Penelope Featherington ist inzwischen 28, gilt in der Ton-Gesellschaft offiziell als "auf dem Regal stehend" und hat innerlich abgeschlossen mit dem Mann, den sie seit ihrer Jugend anhimmelt. Ausgerechnet Colin Bridgerton, den charmanten dritten Bruder, der sie all die Jahre nur als "Eloises beste Freundin" wahrgenommen hat. Was Colin und die Ton-Gesellschaft nicht ahnen: Das schüchterne Mauerblümchen ist niemand Geringeres als Lady Whistledown, die berüchtigte anonyme Klatschkolumnistin, deren Identität ganz London herauszufinden versucht. Als Colin von einer Reise zurückkehrt, sieht er Penelope zum ersten Mal wirklich, und plötzlich beginnt beides zu bröckeln: seine oberflächliche Charmeur-Fassade und ihr jahrelanges Kleinmachen.Was diesen Band für mich unschlagbar macht, ist Penelopes innere Reise. Julia Quinn schreibt keine Verwandlungs-Geschichte à la "Er sieht sie und sie wird schön". Penelope war immer schon klug, geistreich, schlagfertig, das beweist Lady Whistledown ja seit Jahren. Sie hat sich nur klein machen lassen, von der Mutter, der Gesellschaft und den eigenen Zweifeln. Colins Aufmerksamkeit ist der Katalysator, aber die eigentliche Selbstwert-Arbeit macht Penelope selbst. Diese feine Unterscheidung hebt den Roman auf ein Niveau, das man in Historical Romance selten findet, und macht ihn zu einer Empowerment-Geschichte, die weit über 1824 hinausreicht.Die Whistledown-Enthüllung ist erzählerisch grandios konstruiert. Über drei Bände hinweg hat Julia Quinn Andeutungen gestreut, die im Rückblick alle Sinn ergeben. Dass ausgerechnet Penelope diese scharfe, gesellschaftskritische Stimme hat, ist die perfekte Wahl und zugleich ein leiser feministischer Punkt. In einer Zeit, in der Frauen kaum Möglichkeiten zu öffentlichem Ausdruck hatten, hat sie sich einen eigenen Weg gebaut: anonym, klug, wirtschaftlich unabhängig. Dass Colin ausgerechnet diese Kolumnistin hasst, sorgt für den zentralen Konflikt der zweiten Buchhälfte, und die Auflösung fühlt sich verdient an, nicht billig versöhnt.Auch Colin hat mich überrascht. Aus dem charmanten Reisenden wird ein Mann, der heimlich Tagebücher schreibt, ernst genommen werden will und in Penelope eine Seelenverwandte erkennt, die genauso viel unter der Oberfläche trägt wie er selbst. Diese Spiegelbildlichkeit macht ihre Beziehung so besonders. Und dann ist da Julia Quinns unverwechselbarer Wortwitz, der geistreichen Dialoge, die scharfen Gesellschaftsbeobachtungen und die perfekt gesetzten emotionalen Momente. Deutschlandfunk Kultur hat es einmal treffend "Romance pur, aber modern feministisch und extrem sexy" genannt und ich unterschreibe das sofort.Kleine Kritik: In der deutschen Ausgabe gibt es einzelne Übersetzungsholperer, der Sieben-Jahres-Zeitsprung nach Band 3 wirkt anfangs etwas abrupt und manche Nebenfiguren treten in den Hintergrund. Wirklich gestört hat mich das aber nicht.Ein Herzensbuch. Für alle Bridgerton-, Netflix-Staffel-3- und Regency-Romance-Fans absolute Pflichtlektüre. Ideal für gemütliche Herbst- und Winterabende mit Tee und Decke.