"Mir ist, als hätte ein Jahrtausend ich geschaut.Nie barg ein Schrank, darin der Akten Flut gestaut,Wo Liebesbriefe sich, Urkunden, Blätter schichten,Mit Haaren, die verpackt in Scheine, mit Gedichten,Mehr Heimlichkeiten als mein Hirn, mein müdes, kennt.Es ist ein Königsgrab, ein Riesenmonument;Nicht eine Massengruft bedeckt so viele Leichen."Vorweg: Wem diese Rezension zu umfangreich ist, der findet eine Kurzfassung im ersten Kommentar, wo ich auch auf die Problematik der Übersetzungen eingehe.Die Blumen des Bösen, die "les fleurs du mal", werden, übergreifend, von nahezu allen westlich-europäischen Ländern als der Beginn der modernen Dichtung angesehen; von Arthur Rimbaud bis Paul Celan reicht die Spanne der von diesem Werk inspirierten und beeinflussten; Gedichte wie "Der Albatros" und "Die Katze", "Das schöne Schiff" oder "An eine rothaarige Bettlerin" gehören zum Kanon des Allgemeinwissens in Puncto Lyrik und die kunstvoll finstren, ornamentenen Wendungen und Reime des Werkes haben, inhärent, Worte wie "Poetisch" und "Lyrisch" auf ewig für sich eingenommen und geprägt. Und bei aller Kritik, die sich mit der Zeit gegen jedes Werk aufbauen wird - die Blumen des Bösen waren mehr als nur der Schritt in eine neue Art von Dichtung. Sie waren auch der erste Versuch mit intellektueller Erfassung weltlichen Fragen in Reimen nahezukommen - eine Tradition unter der beinah die ganze bedeutende, moderne Lyrik steht."Zwei Krieger stürzen aufeinander; ihre KlingenDurchstieben rings die Luft mit Funken und mit Blut.Dies Spiel, dies Klirren ist das lärmerfüllte RingenDer Jugend, die verzehrt von wilder Liebesglut."Wenn man heute davon spricht, kein Blatt vor den Mund zu nehmen, bedeutet das meistens, dass man nicht bei Gelegenheit kein Blatt vor dem Mund nimmt, sondern immer und prinzipiell.Charles Baudelaire, Dandy und Dichter, opiumsüchtig und in Frankreich neben eigenen Werken auch berühmt für die Entdeckung und Übertragung der Werke Edgar Allen Poes, lehrt einem in diesem Werk hier, was es wirklich heißt, kein Blatt vor den Mund zu nehmen - es heißt nämlich die Akzente richtig zu setzten, das Gefühl der Offenheit zu vertiefen und zu verschleiern, es nicht zu beantragen und trotzdem subtil, allumfassend aufzutun, in seiner Nacktheit, seiner Dunkelheit, seiner Boshaftigkeit und seiner Schönheit. Denn der Reiz aller Dinge, das weiß Baudelaire, ist oft zwischen den Krallen des Seins und den Händen des Scheins in einer Art von Vermeintlichkeit gefangen."Denn klarer kann sich, Herr, kein Zeugnis offenbaren,Das unserm innern Wert je eine Stimme leiht,Als dieser glühnde Schrei, der rollt von Jahr zu JahrenUnd sterbend untergeht am Rand der Ewigkeit."Das Leben, für beinahe jeden Dichter heute der Dreh- und Angelpunkt seines Werkes, das Ding für das es Metaphern, Bilder und Sinn zu finden gilt, für das Gebilde selbst und für all seine Stellvertreter, durch die hindurch man das Leben aus dem Augenwinkel oder exemplarisch wahrnehmen und spüren kann - Baudelaire besingt es hier in vier Zeilen, er wirft es hin und her zwischen Eindrücken und Feststellungen."Unendlichkeit seh fahl ich durch die Fenster strahlen,Und meine Seele, die es schwindelt, füllt mit NeidDas wesenlose Nichts in seiner Einsamkeit.O! niemals mehr sein als Geschöpfe und als Zahlen."Die Blumen des Bösen mögen oft als Gesänge des Unmuts, der Lüsternheit und der Verkommenheit angesehen werden. Doch das erklärt nur den einen Teil ihres Titels. Und auch wenn der Teil mit den Blumen sich weniger gut (Im Gegensatz zum Bösen) aus dem Französischen übertragen lässt - wer sich in die erst wirr und trunken anmutenden Verse einliest, wird schnell herausfinden, dass sie sich eigentlich im Zentrum des Sturms befinden, da wo es am ruhigsten ist. Klagen, Sehnsucht und Angst, oft treten sie zu uns im Fell der Wut und der Begierde, dem Hass und der Flucht nach vorn. Baudelaire versteht es dieses schwierige, psychologische Erbe zu erzählen - natürlich mit Vorliebe auch durch das Erotische, so in diesen Zeilen, in denen er auf die Zweischneidigkeit der Weiblichkeit hinweist:"Ihr magres Schlüsselbein umschmiegen leichte Spitzen,Gleich einem üppigen Bach, der sich am Felsen reibt,Und sittsam bergen sie vor possenhaften WitzenDen unheilvollen Reiz, der tief verborgen bleibt."Die Blumen des Bösen sind ein Gedichtband, der wegweisend war und auch heute noch wunderschöne Wendungen an Reimen und Eindrücken zu bieten weiß und auch immer noch lehrreich ist für die Begegnung mit der psychologischen Tiefe von Leben und vom Bösen. Zweifelsohne ist es schwierig in diesem dunklen Meer zu baden, ohne sich zu fragen, warum es immer wieder ins Abgründige umschlägt. Aber dass ist die Eigenschaft des Meeres: Es ist weit, groß, schön und immer abgründig, je mehr, desto weiter man sich hinauswagt; und darin schwimmen heißt stets bis zum Hals über dem Abgrund zu schweben."Und es erschrak mein Herz, manch Armen zu beneiden,der glühnden Eifers stürzt zum Abgrund des Gerichts,Und der, von seinem Blut berauscht, die grimmsten Leidendem Tode vorzieht und die Hölle selbst dem Nichts."