Kurzmeinung: Scharfsinnige Analyse des Zeitgeists ¿ toller Autor.
Präliminarien: Meine erste literarische Begegnung mit dem deutschen Autor Christoph Peters (geb. 1966) ist überaus positiv. Ich lasse mir "den Sandkasten" von dem genialen Sprecher Axel Wostry (ich kann ihn nicht genug loben) vorlesen und bin alsbald im Milieu.Inhalt: Welches Milieu? Das Leben von Kurt Siebenstätter findet zwischen Medien und Politik statt, das ist das Milieu. Siebenstätter könnte dem Talkmaster Markus Lanz nachempfunden sein, vielleicht, vielleicht auch nicht. Siebenstätter ist eine Weile glücklich mit Irene verheiratet, eine Weile glücklicher Vater einer Tochter, dann irgendwie immer weniger glücklich. Sein Beruf ist politischer Radiomoderator, er kitzelt mit provokanten Fragen pikante Antworten aus seinem jeweiligen Interviewpartner. Jeder im Land kennt seine sonore Stimme, aber nun ist sein Stern am Sinken, denn "das Milieu" verändert sich, plötzlich darf man nicht mehr alles sagen. Was vorher nur gewagt war, wird nun unsagbar, Sensibelchen beherrschen den öffentlichen Raum, die Empörungskultur breitet sich aus: Shitstorms haben schon manchen um die Karriere gebracht, sogar in den Ruin getrieben. Siebenstätter will sich dem Zeitgeist aber nicht beugen.Der Kommentar und das Leseerlebnis:Es dauert nur eine kleine Weile dann bin ich mitten in Kurt Siebenstätters Gedankenwelt und amüsiere mich großartig! Ein Sympathieträger ist Kurt Siebenstätter nicht, weil ich ihn in seinem Innersten antreffe, wo er einigermaßen ehrlich mit sich selbst ist und ich nicht mit der glanzvollen Fassade abgespeist werde, die er der Öffentlichkeit präsentiert. Und seiner Familie. Nur wenige wissen, wie er wirklich tickt. Denn Siebenstätter gibt sich Mühe, keine eigene Meinung zu haben, sie wenigstens nicht heraushängen zu lassen; allgemein gilt er als arrogantes A**hole. Freunde: Fehlanzeige.Und doch, ich liebe ihn. Wie genial zieht Christoph Peters seinen Roman auf! Wie sich in Siebenstätters Gedankenwelt die bundesrepublikanischen Befindlichkeiten spiegeln, die politische Verlogenheit und Doppelbödigkeit. Es ist CoronaZeit. Und Christoph Peters zelebriert: Wie sich die Parteien spalten. Wie sich die Verantwortlichen drehen und winden. Wie wieder einmal die Anordnungen von oben nur für die da unten gelten, wie verschoben wird und geheuchelt, was das Zeug hält. Und wie Peters den Zeitgeist auf die Schippe nimmt, das ist einfach nur köstlich. Ich meine mindestens zwei politisch bedeutsame Figuren zu erkennen und einen Virologen. Und ich lache mich scheckig. Wie immer nach jeder Katastrophe will es keiner gewesen sein. Oder die Umstände waren es. Ach ja. Das kennen wir.Der "Sandkasten" ist nicht Peters erster Roman, der Autor ist produktiv und hat seit 1996 zahlreiche Texte verfasst, darunter "Der Dorfroman" von 2020. Zahlreiche Buchpreise hat Christoph Peters ebenfalls abgeräumt. Wann folgt der Deutsche Buchpreis? Verdient wäre er.Fazit: Brillant. Ich gebe eine Leseempfehlung.Auf zum zweiten Teil "Krähen im Park". Und "Dorfroman" und "Entzug" werde ich ebenfalls lesen/hören.Dritter Teil: Innerstädtischer Tod. Kategorie: Anspruchsvolle Literatur.Verlag: Luchterhand, 2022cc-live am 08.11.2022 für das Hörbuch.