Else Urys Nesthäkchen und der Weltkrieg, der vierte Band der berühmten Nesthäkchen-Reihe, schildert Annemarie Brauns Kindheit im Schatten des Ersten Weltkriegs. Der Roman verlegt die große Geschichte konsequent an die häusliche Front: Schule, Familie, Lazarettdienst, Entbehrung und patriotische Rituale strukturieren den Alltag. Urys Stil verbindet anschauliche, dialogreiche Erzählweise mit bürgerlicher Gefühlskultur und pädagogischer Absicht. Literarisch steht das Buch zwischen Mädchenbuch, Familienroman und zeitgebundener Kriegspropaganda. Else Ury, 1877 in Berlin geboren, schrieb aus der Perspektive des assimilierten jüdischen Bildungsbürgertums, dessen Werte von Pflicht, Ordnung, Familie und deutscher Zugehörigkeit geprägt waren. Ihre genaue Kenntnis weiblicher Kindheits- und Erziehungswelten erklärt die überzeugende Milieuschilderung. Die spätere Ermordung Urys in Auschwitz verleiht diesem patriotischen Text eine tragische historische Ironie, die heutige Lektüren unvermeidlich begleitet. Empfohlen sei das Buch Leserinnen und Lesern, die Kinderliteratur nicht nur als Unterhaltung, sondern als historisches Dokument verstehen. Es zeigt, wie Krieg in kindliche Vorstellungswelten übersetzt wurde, und eröffnet zugleich Einblicke in Mentalitäten, Hoffnungen und Verblendungen des deutschen Bürgertums um 1914.