Stalinistische Säuberungen in der Sowjetunion vor dem Krieg - willkürliche Todesurteile, Bespitzelung und Denunziation
Geheimnis - das klingt spannend, ist es aber eher nicht. Es geht um deutsche Kommunisten, die in Moskau für die KomIntern (Kommunistische Internationale) gearbeitet haben und in den Zeiten des stalinistischen Terrors unter 'Säuberungen' zu leiden hatten, heißt: Verhöre, Schauprozesse und Verurteilungen im Minutentakt zu Arbeitslager oder Tod. Es ist erstaunlich, dass sie sich dennoch nicht von Stalin und dem angeblichen Kommunismus abgewendet haben, aber vielleicht ging es nicht, weil sie keine Alternative hatten.Anhand von Archivunterlagen erzählt Eugen Ruge vom Schicksal seiner Großeltern, das er - wie aus dem Epilog hervorgeht - akribisch erforscht hat. Auch sie arbeiteten als deutsche Emigranten mit Decknamen für die KomIntern und wurden nach einer Selbstanzeige im berühmten Jugendstilhotel 'Metropol' einquartiert. Dort mussten sie über 400 Tage lang auf eine Entscheidung ihrer Angelegenheit warten, eine Zeit voller Angst, Ungewissheit und Misstrauen.Fand ich den Beginn des Buches zu 'trocken', so wechselt es dann vom Berichten der Fakten zum eher Romanhaften, was eindrücklich und bedrückend geschildert wurde: einerseits Mangel und Hunger, Terror und Bespitzelung, eine Atmosphäre von Misstrauen und Denunziation, andererseits Lebenshunger, die Suche nach Vergnügungen und hektische Bautätigkeiten in Moskau.Auch wenn Ruges Großmutter sicher keine Möglichkeit hatte, die Sowjetunion zu verlassen, weil sie von den Nazis gesucht wurde und auch ihre beiden Söhne in Moskau waren, habe ich es doch nicht verstehen können, wie man sich alles schön lügt und der Wahrheit nicht ins Auge blicken will.Für mich ist es das, was Ruge selber im Epilog schreibt:'...eine Geschichte darüber, was Menschen zu glauben bereit, zu glauben imstande sind'das zentrale Thema des Romans.'Dass die Menschen glauben, was sie glauben wollen... Wie dumm sind die Menschen? Wie dumm sind die, die an irgendwas glauben? Und wie dumm sind die, die noch nicht einmal merken, dass sie es tun?' (360)Noch ein entlarvendes Zitat, was die Großeltern angeblich anlässlich von Feierlichkeiten im Radio gehört haben: 'Schon in der Mitte dieses Jahrhunderts werde die Sowjetunion Deutschland und die USA überflügelt haben, und all der Reichtum, den das riesige Land produziert, wird den werktätigen Menschen zugutekommen und nicht einer parasitären Oberschicht. Eine Gesellschaft ohne Ausbeutung. ...' (342) - Dem ist nichts hinzuzufügen ;-)FazitNach anfänglichen Schwierigkeiten mit der allzu berichtsartigen Darstellung wurde es zunehmend besser und ich kann zum Abschluss sagen: ich schätze die Informationen und Einblicke, die ich durch Eugen Ruge hier bekommen habe, auch wenn ich es im Ganzen zu langatmig fand. Er hat sehr viel Arbeit in die Recherche gesteckt und eine Art Zeitdokument erschaffen.