In "Der Doppelgänger" entfaltet Fjodor Dostojewski die beklemmende Geschichte des kleinen Petersburger Beamten Jakow Petrowitsch Goljadkin, dessen geordnete, doch innerlich brüchige Existenz durch das Auftreten eines identischen, gesellschaftlich geschickteren Doppelgängers erschüttert wird. Die Novelle verbindet groteske Komik, psychologische Präzision und frühmoderne Bewusstseinsdarstellung; sie steht im Kontext der Petersburger Literatur Gogols, überschreitet deren satirische Tradition jedoch durch eine radikale Erforschung von Ich-Spaltung, sozialer Beschämung und paranoider Wahrnehmung. Dostojewski, 1821 in Moskau geboren, schrieb das Werk kurz nach seinem Erfolg mit "Arme Leute" und noch vor Verbannung, religiöser Neuorientierung und den großen Romanen der Reifezeit. Seine genaue Kenntnis bürokratischer Milieus, seine Sensibilität für Demütigung und seine lebenslange Beschäftigung mit Schuld, Freiheit und Identität verdichten sich hier zu einem frühen Experiment, das bereits zentrale Motive seines späteren uvres ankündigt. Dieses Buch empfiehlt sich Lesern, die nicht nur eine düstere Erzählung über Wahnsinn suchen, sondern ein vielschichtiges literarisches Laboratorium der Moderne. "Der Doppelgänger" zeigt, wie verletzlich das Selbst im Spiegel gesellschaftlicher Erwartungen wird, und bleibt gerade deshalb verstörend gegenwärtig.