Friedrich Dürrenmatt hat mit Der Besuch der alten Dame ein Stück geschrieben, das mich auf eine Weise getroffen hat, wie es nur große Literatur kann. Ich gebe volle 5 Sterne, für eine Sprachgewalt, eine Zuspitzung und eine Gesellschaftsanalyse, die auch nach Jahrzehnten nichts von ihrer Schärfe verloren hat.Die Ausgangslage ist so einfach wie perfide: Die Milliardärin Claire Zachanassian kehrt in ihr verarmtes Heimatdorf Güllen zurück und bietet eine Milliarde, für den Tod des Mannes, der sie einst als junge Frau verriet und um ihr Glück brachte. Was folgt, ist kein simples Rachedrama, sondern die sezierende Entlarvung einer ganzen Gemeinschaft. Die Bürger, erst empört, schleichen sich in moralischen Verhandlungen Schritt für Schritt an den Mord heran. Dürrenmatt zeigt, wie aus Prinzipien Handelspreise werden, und wie die menschliche Würde am Geld scheitert.Die Figuren sind keine Helden, sondern Typen, die durch ihre Präzision erschreckend echt wirken. Claire Zachanassian selbst ist eine der großartigsten Bühnenfiguren: kalt, berechnend, unheimlich, und doch trägt sie einen Schmerz in sich, der sie fast tragisch macht. Dürrenmatts Sprache ist knallhart, seine Dialoge sitzen wie gezielte Schläge, und der schwarze Humor lässt einen selbst in den bittersten Momenten nicht los.Dieses Stück ist keine Wohlfühlkost, sondern ein Spiegel. Es stellt die Frage, was aus Moral wird, wenn der Preis hoch genug ist und liefert eine Antwort, die wehtut. Für mich ein Meisterwerk der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur, das nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat. Absolute Leseempfehlung.