spannender, historischer Krimi im Auge der letzten Kämpfe um Berlin, der (bekannte) historische Kontext wird Spannungselement
Auch im zweiten Fall für Richard Oppenheimer gelingt es Harald Gilbers ausgesprochen gut, Kriminalhandlung und historischen Hintergrund miteinander zu verbinden. Das zerstörte und unter ständigem Beschuss stehende Berlin des Jahres 1945 ist dabei weit mehr als bloße Kulisse: Die historischen Umstände bestimmen unmittelbar die Handlung und die Möglichkeiten der Figuren. Das ist, wie ich finde, bei historischen Krimis keineswegs selbstverständlich.Im Zentrum von Oppenheimers Fall, bei dem er diesmal stärker in der Rolle eines Privatermittlers tätig wird, steht seine langjährige Freundin und Unterstützerin Hilde. Ihr wird der Mord an ihrem Noch-Ehemann Hauser, einem NS-Arzt, zur Last gelegt. Es droht die Todesstrafe ...Schon der Schauplatz Berlin 1944/45 sorgt für eine bedrohliche Atmosphäre. Dazu kommt die latente Gefahr, in der Oppenheimer als Jude weiterhin schwebt. Er hat zwar eine neue Identität und das NS-Regime befindet sich unübersehbar im Zusammenbruch, der menschenverachtende Terrorapparat funktioniert aber noch immer. Und angesichts des "Endkampfes" kann jeder Weg durch die Stadt der letzte sein; immer wieder muss Oppenheimer vor den Angriffen in Bunker flüchten.Der Roman greift dabei ganz unterschiedliche Aspekte des NS-Staates auf: die Willkür des Volksgerichtshofs und die fehlende Rechtsstaatlichkeit, Verbrechen von NS-Ärzten unter dem Deckmantel der Wissenschaft, den Volkssturm und die Mobilisierung der letzten Kräfte ebenso wie die Versuche von NS-Größen, Vermögen zu sichern, die eigene Flucht vorzubereiten oder sich bereits für die Zeit nach dem Krieg in Stellung zu bringen. Gilbers vermittelt dabei gut, welche Gratwanderung zwischen Gefolgschaft, Opportunismus und kritischer Auseinandersetzung mit dem Regime selbst in dessen letzten Wochen und Monaten noch stattfindet. Ein weniger bekannter Aspekt verbirgt sich schließlich hinter dem Titel "Odins Söhne" und führt zum germanisch-mythologischen Unterbau der NS-Ideologie.Zum Pageturner wird der Krimi für mich vor allem durch seinen doppelten Countdown: Hilde drohen Mordanklage und Todesstrafe, während Gilbers die Kapitel zeitlich genau verortet. Wir als Leser wissen, wie nah das "Dritte Reich" seinem Ende bereits ist; die Figuren können es nur ahnen. Und ein Regime, dessen Untergang absehbar ist, ist deshalb noch lange nicht weniger tödlich - eher im Gegenteil. Während Oppenheimer gegen seine persönliche Deadline kämpft, läuft im Hintergrund gleichzeitig der historische Countdown bis zum Untergang des Regimes. Dadurch bekommt der Krimi stellenweise beinahe Thrillercharakter.Im Vergleich zum ersten Band empfand ich Oppenheimers Duell mit dem NS-System diesmal allerdings als etwas weniger zugespitzt. Zwar wird die Gegenseite vor allem durch Hauser erneut personifiziert, die Konfrontation bleibt jedoch indirekter. Dafür scheint beinahe die ganze Stadt zur Bedrohung zu werden: politische Verfolgung, Bombardierungen und zunehmend zerfallende Strukturen greifen ineinander.Ich finde, dass es auch solche Bücher braucht, um die Erinnerung an die Unmenschlichkeit des NS-Regimes wachzuhalten. Der Zugang über einen spannenden Kriminalfall ist vergleichsweise niederschwellig, ohne die historischen Themen dadurch zu verharmlosen. Gerade die eingewobenen Schilderungen etwa der medizinischen Experimente oder der völligen Chancenlosigkeit eines Angeklagten vor der politischen Justiz entfalten ihre Wirkung, ohne dass der Roman zum Geschichtsunterricht wird.Gerade darin liegt für mich eine große Stärke des Romans. Gilbers erzählt keinen Kriminalfall, der zufällig im Jahr 1945 spielt. Der Fall kann nur vor diesem historischen Hintergrund so stattfinden, wie er stattfindet. Kriminalhandlung, persönliche Bedrohung und historische Katastrophe erzeugen gemeinsam die Spannung.Ich freue mich darauf, Teil 3 zu lesen.