Eine Geschichte, die man nicht lösen, sondern erleben sollte.
Ich glaube, über kaum ein Buch habe ich während des Lesens so viel nachgedacht wie über 1Q84. Nicht, weil ich unbedingt Antworten finden wollte, sondern weil Murakami etwas schafft, das ich so bisher kaum erlebt habe. Man spürt die ganze Zeit, dass alles zusammenhängt, aber man weiß noch nicht wie. Genau das hat mich Seite für Seite weiterlesen lassen. Für mich hat sich dieses Buch wie ein riesiges Mosaik angefühlt. Mit jedem Kapitel kam ein weiterer Stein dazu. Manche haben sofort ihren Platz gefunden, andere erst viel später. Und einige liegen immer noch da und warten darauf, entdeckt zu werden. Genau das liebe ich daran.Murakami beantwortet Fragen, ohne sie wirklich zu beantworten. Statt alles zu erklären, gibt er einem als Leser die Möglichkeit, selbst Zusammenhänge zu erkennen. Es gibt keine Stelle, an der plötzlich alles aufgelöst wird. Stattdessen merkt man irgendwann ganz leise, dass sich etwas verändert hat. Dass man die Geschichte auf einmal anders liest als noch hundert Seiten zuvor. Ich liebe es, dass er seinen Lesern die Freiheit lässt, seine Geschichte auf ihre ganz eigene Weise zu verstehen.Was mich genauso begeistert hat, war die Mischung aus Realität und Surrealität. Ich lese unglaublich gerne Fantasy und dort darf alles passieren. Murakami geht einen anderen Weg. Er nimmt eine Welt, die sich ganz normal anfühlt, und verschiebt sie Stück für Stück. Irgendwann hinterfragt man einfach alles und nimmt Dinge an, die vorher unmöglich schienen. Genau dieses Gefühl hat mich komplett in seinen Bann gezogen.Besonders schön fand ich, dass es oft gar nicht die großen Ereignisse waren, die mich beschäftigt haben. Es waren die kleinen Dinge. Ein Musikstück. Die zwei Monde. Gespräche. Bücher. Katzen. Eine Treppe. Oder sogar eine Tasse Kakao. Bei Murakami hatte ich ständig das Gefühl, zwischen den Zeilen lesen zu wollen, weil selbst die unscheinbarsten Momente eine Bedeutung bekommen konnten.Sein Schreibstil hat etwas unglaublich Ruhiges. Eigentlich passiert gar nicht ständig etwas Spektakuläres und trotzdem wollte ich das Buch kaum aus der Hand legen. Es ist nie laut und trotzdem unglaublich spannend. Man gleitet durch die Seiten, hat einen Film im Kopf und beginnt, jedes Detail bewusst wahrzunehmen.Vor allem aber habe ich gemerkt, dass ich irgendwann aufgehört habe, das Buch lösen zu wollen. Ich habe angefangen, Murakami einfach zu vertrauen. Und genau ab diesem Moment hat sich das Lesen noch einmal verändert.Als ich die letzte Seite gelesen habe, hatte ich nicht das Gefühl, etwas abgeschlossen zu haben. Es war eher der erste Abschnitt einer großen Reise. Murakami beantwortet einige Fragen und lässt andere ganz bewusst offen. Vor allem eine davon hat mich bis zur letzten Seite nicht mehr losgelassen und ehrlich gesagt ziemlich wahnsinnig gemacht. Umso schöner war das Gefühl zu wissen, dass Buch 3 schon neben mir liegt.1Q84 ist für mich keine Geschichte, die man möglichst schnell verstehen sollte. Es ist eine Geschichte, die man erleben muss. Sie hat mich überrascht, verwirrt, berührt und immer wieder staunen lassen. Ich liebe es, zwischen den Zeilen zu lesen, und genau dafür gibt Murakami seinen Lesern den Raum. Für mich sind die ersten beiden Bücher ein absolutes Highlight und ich freue mich darauf, die Reise mit Buch 3 fortzusetzen.