gelungene Erzählung über die Liebe, das Schicksal und die Zerbrechlichkeit des Moments
Man nehme eine Prise leiser Melancholie, zwei Hände voll Gefühlstiefe, ein sanftes Tempo statt großer Dramatik und ganz viel Herz(schmerz)... So entsteht mit "Ein letzter erster Augenblick" von Holly Miller ein ruhiger, einfühlsamer Liebesroman, der sich nur langsam entwickelt und seine Wirkung nicht durch laute Wendungen, sondern durch stille Gefühlskraft entfaltet.Aber worum geht es denn überhaupt?! Seit seiner Kindheit lebt Joel als Einzelgänger, der niemanden in sein Herz lässt. Nicht weil er das will - sondern weil er muss. Denn Joel hat Träume. Träume, die ihm die Zukunft der Personen zeigen, die er liebt. Oft weiß er schon Tage, Monate oder sogar Jahre im Voraus, was den Menschen um ihn herum passieren wird. Doch erzählen kann er es niemandem. Callie träumt schon immer von den schönsten Orten dieser Welt, doch nach dem Tod ihrer besten Freundin lebt die junge Frau zurückgezogen und nimmt an den aufregenden Momenten des Lebens stets nur als stille Beobachterin teil. Das alles soll sich verändern, als sie Joel trifft und sich die beiden unsterblich ineinander verlieben. Bis Joel von Callies Zukunft träumt...Der angenehme, fließende Schreibstil sorgt dafür, dass man sich von Anfang an direkt wohl in der Geschichte fühlt. Die Handlung entwickelt sich dabei zwar nur in mäßigem Tempo, doch dank der kurzen Kapitel und des regelmäßigen Wechsels zwischen den beiden Hauptfiguren, bleibt die Story trotz ihres ruhigen Grundtons lebendig und emotional.In vier Teile gegliedert, nimmt sich die Erzählung zu Beginn viel Zeit, was ich wirklich toll fand. Ich mag es nämlich, wenn sich die Dinge langsam und nicht überstürzt entfalten. Der letzte Abschnitt wirkt dahingegen leider fast schon wie eine Kurzfassung, als wären ihm ein paar der zuvor so großzügig gesäten Worte nicht mehr vergönnt gewesen...Joel ist eine Person, mit der man schnell mitfühlt. Seine besondere Gabe - oder vielmehr sein Fluch - durch Träume Ereignisse aus der Zukunft seiner Mitmenschen zu sehen, ist zugleich faszinierend als auch erschreckend. Ich konnte mich ziemlich gut in seine innere Zerrissenheit hineinversetzen. Wie lebt man mit dem Wissen um das, was kommen wird? Vor allem, wenn sich nicht alles verhindern lässt? Diese Vorahnungen begleiten ihn wie ein leiser Schatten und verleihen ihm eine spürbare Schwermut. Seine Charakterentwicklung ist dementsprechend stimmig und nachvollziehbar dargestellt. Die Autorin schafft es, seine Gabe so glaubhaft zu erklären und mit alltäglichen Momenten zu verbinden, dass sie durchaus vorstellbar bleibt.Interessant ist auch der Blick auf die Reaktionen seines Umfelds. Offenheit bedeutet nicht automatisch Verständnis und Vertrauen verlangt Mut. Diese Erfahrungen spiegeln auf eine besondere Art und Weise wider, wie unsere Gesellschaft mit solch unsichtbaren "Krankheiten" umgeht.Callie hingegen bringt Licht in die Geschichte und bildet den positiven Gegenpol zu Joels Schwere. Sie ist herzlich, optimistisch und hat eine erfrischende Art, die man einfach mögen muss. Sie sorgt für den erforderlichen Ausgleich und trägt von Grund auf eine warme Lebensfreude in sich. Ihre Liebe zu Joel ist bedingungslos und ehrlich, ohne dabei irgendwie kitschig zu wirken. Die Beziehung der beiden fühlt sich demnach überaus authentisch an und ist frei von übertriebener Dramatik. Gerade in ihrer Schlichtheit liegt hier die ganz besondere Schönheit!Auch den Nebenfiguren schenkt die Autorin erfreulicherweise ihre Aufmerksamkeit, sie sind alle miteinander äußerst lebendig beschrieben und bereichern die Geschichte dadurch spürbar.Die Handlung spannt zudem einen weiten zeitlichen Bogen und schenkt den einzelnen Figuren genügend Raum zum Wachsen. Man geht ihren Weg mit, teilt ihre Zweifel, ihr Leid und ihre Hoffnung.Insgesamt ist "Ein letzter erster Augenblick" somit ein eher stiller Roman. Statt auf actionreiche Ereignisse wird viel mehr auf Charakterentwicklung und große Gefühle gesetzt. Gerade deshalb eignet sich die gesamte Geschichte ganz wunderbar zum Abschalten und gleichzeitig auch zum Nachdenken...Würdest du wissen wollen, was deine Zukunft für dich bereithält? Kann man überhaupt unbeschwert leben, wenn man weiß, was kommt? Oder würde dieses Wissen alles verändern - vielleicht sogar das Leben selbst verfälschen?Eine gelungene Erzählung über die Liebe, das Schicksal und die Zerbrechlichkeit des Moments. Und darüber, dass das Leben gerade in seiner Ungewissheit seine größte Schönheit trägt.