Von diesem Buch geht ein eigentümlicher Sog, eine besondere Magie aus. Liebe, Freundschaft, Macht, Erfolg als Triebfedern des Lebens ...
Und dies, obwohl die Ausgangsvoraussetzungen für ein gelingendes Leben kaum besser hätten sein können. Was alles schief gehen kann, welche Verwicklungen möglich sind und - nicht zuletzt - welche Zufälle ein Leben in Richtung Scheitern oder zum Erfolg schubst, wird in diesem großartigen Roman von Joël Dicker leidenschaftlich und voller Empathie "nacherzählt". Nacherzählt deshalb, weil der Autor im Buch (Marcus Goldman) genau eine solchen Auftrag von einer anderen "Lichtgestalt" des Buches (Saul Goldman) erhält: "'Viele von uns versuchen, dem Leben einen Sinn zu geben, doch das Leben hat nur Sinn, wenn wir fähig sind, unseren entscheidenden drei Bestimmungen gerecht zu werden: zu lieben, geliebt zu werden und zu verzeihen. Der Rest ist Zeitverschwendung. Und vor allem: Schreib weiter! Denn du hattest recht: Man kann alles wiedergutmachen. Versprich mir, mein lieber Neffe, dass du uns wieder gut machst. Mach die Baltimores wieder gut.'"Doch bevor es zu diesem Zitat kommt, sind eine Menge menschlicher Abgründe zu durchwaten, einiges an narzisstischen Persönlichkeitsstörungen zu ertragen und so mancherlei Eifersuchtsdramen auszuhalten - und ob eine solcherart klärende Wiedergutmachung tatsächlich gelingen kann, und ob eine solche hier gelungen ist, mag jede(r) Leser*in selbst entscheiden. In seiner Struktur wird dieses Buch allen Ansprüchen korrekt, allerdings schrappt die Inszenesetzung gelegentlich messerscharf am Kitschroman vorbei: "Er konnte nicht alleine bleiben. Gott sei Dank hatte er Colleen, die sehr lieb zu ihm war. Sie las ihm jeden Wunsch von den Augen ab. Sie wachte über ihn. Sie war sein Rettungsanker."Dennoch geht von diesem Buch ein eigentümlicher Sog eine besondere Magie aus. Zum einen, weil man möglicherweise ähnlichen Träumen nachhängt, zum anderen, weil man einfach nicht anders kann, als den handelnden Personen dabei neugierig zuzuschauen, wie sie ihren von vielen Herausforderungen geprägten Lebenswandel eine je eigene Handschrift zu verpassen versuchen. Dabei werden dialektisch die Pole des Lebens ausgeleuchtet und in ihrer übersteigerten Form, teils zur Groteske verzerrt, zum Klingen gebracht. Ist man erst einmal eingegroovt, gibt es kein Entrinnen mehr, da verzeiht man auch die kleineren sprachlichen Ausrutscher. Erfolg, Freundschaft, Liebe, Macht, wobei das eine mit dem anderen zusammenzuhängen, sich zu bedingen scheint, spielen in diesem Roman entscheidende Rollen. Wobei von der Liebe vermutlich die größte Kraft ausgeht. Obwohl: Freundschaft verzeiht alles ... Hier nachzulesen und nachzuspüren. (28.4.2023)