Ein stilles Landgut irgendwo in Deutschland. Ein wohlhabendes Paar - Eduard und Charlotte - lebt zurückgezogen, widmet sich der Anlage eines Parks, genießt die ruhige Zweisamkeit, die sie sich so lange gewünscht haben. Es scheint eine Idylle. Dann kommen Gäste. Als Eduard seinen alten Freund, den Hauptmann Otto, ins Haus holt, und Charlotte ihre mittellose Nichte Ottilie aufnimmt, beginnt ein Kräftespiel, das niemand aufhalten kann. Denn was nun geschieht, folgt einer Logik, die keine Vernunft und kein guter Wille zu bändigen vermag: Der impulsive Eduard fühlt sich zur stillen, rätselhaften Ottilie hingezogen - und sie zu ihm. Die besonnene Charlotte und der tatkräftige Hauptmann nähern sich einander an, ohne es sich eingestehen zu wollen. Vier Menschen, zwei Ehen, vier Schicksale - und eine Anziehungskraft, die sich ihrer eigenen Gesetze bedient. Goethe überträgt in diesem Roman ein Naturgesetz der Chemie auf menschliche Beziehungen: Wie chemische Elemente sich aus bestehenden Verbindungen lösen und neue eingehen, so geraten auch seine vier Figuren in eine Bewegung, die sie gleichzeitig wählen und nicht wählen. Genau darin liegt die erschreckende Frage, die der Roman stellt und unbeantwortet lässt: Sind wir freier als die Elemente? Und wenn ja - um welchen Preis erkaufen wir uns diese Freiheit? Goethe selbst bezeichnete diesen Roman als sein einziges größeres Werk, das er "nach Darstellung einer durchgreifenden Idee" geschrieben habe. Thomas Mann nannte ihn ein Wunderding an Reinheit der Komposition. Und wer ihn liest, versteht beide - denn die Wahlverwandtschaften sind von einer formalen Dichte und symbolischen Tiefe, die bei jedem Lesen neue Schichten freilegen. Kein anderes Werk der deutschen Literatur experimentiert so kühl und so mitfühlend zugleich mit dem menschlichen Herzen.