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Das etruskische Lächeln

Roman. Originaltitel: La Sonrisa etrusca. 'Goldmanns Taschenbücher'.
Taschenbuch
Liebe, Mitgefühl und Schmerz sind im Leben das Wesentliche: Der gealterte Widerstandskämpfer Salvatore Roncone, der sein ganzes Leben als Bauer im kalabrischen Süden Italiens zugebracht hat, wird durch seinen Gesundheitszustand gezwungen, zu seinem S … weiterlesen
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Das etruskische Lächeln als Taschenbuch

Produktdetails

Titel: Das etruskische Lächeln
Autor/en: Jose Luis Sampedro

ISBN: 3442456215
EAN: 9783442456215
Roman.
Originaltitel: La Sonrisa etrusca.
'Goldmanns Taschenbücher'.
Übersetzt von Roberto de Hollanda
Goldmann TB

12. März 2004 - kartoniert - 352 Seiten

Beschreibung

Liebe, Mitgefühl und Schmerz sind im Leben das Wesentliche: Der gealterte Widerstandskämpfer Salvatore Roncone, der sein ganzes Leben als Bauer im kalabrischen Süden Italiens zugebracht hat, wird durch seinen Gesundheitszustand gezwungen, zu seinem Sohn in die Großstadt Mailand zu ziehen. Erst durch die Liebe zu seinem Enkelsohn entdeckt der alte Patriarch nie geahnte Seiten an den Menschen und an sich selbst. So darf er kurz vor seinem Tod die wahre Schönheit des Lebens erfahren und erkennt, dass ein Lächeln selbst den Tod überdauert, wenn man wirklich gelebt hat ...




Portrait

José Luis Sampedro wurde 1917 in Barcelona als Sohn eines kubanischen Vaters und einer algerischen Mutter geboren. Seine Kindheit und Jugend verbrachte Sampedro in Tanger/Marokko. Sein Studium führte ihn - unterbrochen vom Bürgerkrieg - schließlich nach Madrid. Dort war er an der Universität tätig sowie in Wirtschaft und Politik. Sampedro war Mitglied der Real Academia Española und erhielt 2012 für sein Gesamtwerk den »Premio Nacional de las Letras Españolas«, den Nationalpreis der spanischen Literatur. Der 2013 verstorbene Schriftsteller und Ökonom gilt als einer der wichtigsten und einflussreichsten spanischen Intellektuellen der Gegenwart.

Leseprobe

Im Etruskischen Museum Villa Giulia dreht der Wärter in Abteilung V seine Runde. Der Sommer ist vorbei, die Touristenströme sind verebbt, die alte Eintönigkeit hält wieder Einzug. Heute aber hat ein bestimmter Besucher seine Aufmerksamkeit geweckt, und er kehrt mit wachsender Neugier zu dem kleinen Raum mit dem Ehepaar zurück. Ob er noch da ist? Er beschleunigt den Schritt und wirft einen Blick hinein.
Da ist er. Er sitzt immer noch auf der Bank vor dem etruskischen Sarkophag aus Terrakotta in der Mitte der Grabanlage. Das Prachtstück des Museums, ausgestellt wie in einem Schmuckkästchen in dem ockerfarbenen Raum, der der ursprünglichen Grabkammer nachempfunden ist.
Ja. Da ist er. Seit einer halben Stunde sitzt er reglos da, genau wie die beiden aus Feuer und Zeit gebrannten Figuren. Der braune Hut und das wettergegerbte Gesicht erinnern an eine Büste aus Ton. Diese ragt aus einem weißen, krawattenlosen Hemd, wie es bei den Alten im Süden Brauch ist. In den Bergen von Apulien, oder vielleicht auch in Kalabrien.
'Was sieht er bloß in der Statue?', fragt sich der Wärter. Da er es nicht versteht, bleibt er unschlüssig stehen, falls plötzlich etwas passiert an diesem Morgen, der wie ein gewöhnlicher Morgen begann und doch ganz anders ist. Aber hinein wagt er sich auch nicht, zurückgehalten von einer unerklärlichen Scheu. So steht er am Eingang und beobachtet den Alten, der, ohne ihn wahrzunehmen, den Sarkophag mit dem menschlichen Paar betrachtet.
Die Frau liegt auf den linken Ellbogen gestützt, ihr Haar ist zu zwei Zöpfen geflochten, die über ihre Brust fallen. Die rechte Hand ist anmutig dem Gesicht mit den vollen Lippen zugewandt. Hinter ihr ruht in derselben Pose ein spitzbärtiger Mann mit lüsternem Mund und hat seinen rechten Arm um ihre Schulter gelegt. Die rötliche Färbung der beiden Terrakottakörper reflektiert den dunklen Hintergrund, dem die Jahrhunderte nichts anhaben können. Unter den schmalen, schräg stehenden Augen leuchtet in beiden Gesich
tern dasselbe unbeschreibliche Lächeln. Weise und geheimnisvoll, sanft und sinnlich.
Verborgene Lichtquellen setzen die beiden Figuren kunstvoll in Szene; durch das Spiel von Licht und Schatten wirken sie faszinierend lebendig. Dagegen erscheint dem Wärter der versteinerte Alte im Halbdunkel wie eine Statue. 'Wie verzaubert', denkt er unwillkürlich und redet sich dann schnell ein, alles sei ganz normal, um sich zu beruhigen. Der Alte ist nur müde, und da er für den Eintritt bezahlt hat, will er sich auch hinsetzen. So sind die Leute vom Land nun mal. Nachdem eine Weile nichts passiert, geht der Museumswärter weiter.
Die Atmosphäre schließt sich noch dichter um die drei Gestalten in der Grabanlage, den Alten und das Paar. Die Zeit vergeht.
Bis die Verzauberung von einem jungen Mann aufgelöst wird, der auf den Alten zugeht.
Endlich, Vater! Gehen wir. Tut mir Leid, dass Sie warten mussten, aber dieser Direktor ...
Der Alte sieht ihn an. 'Der arme Junge', denkt er, 'immer nur Hetze und Entschuldigungen! Und das soll mein Sohn sein?'
Warte mal! Was ist das?, fragt er ihn.
Das da? Das 'Ehepaar'. Ein etruskischer Sarkophag.
Ein Sarkophag? Eine Kiste für die Toten?
Ja, aber jetzt müssen wir wirklich gehen.
Hat man sie tatsächlich in dem Ding beerdigt, das wie ein Diwan aussieht?
Ein Triklinium. Die Etrusker haben im Liegen gegessen, wie die Römer. Eigentlich wurden sie auch nicht beerdigt. Man hat ihren Sarkophag in eine Grabkammer gestellt und sie von innen bemalt, wie ein Haus.
Wie die Gruft der Grafen Malfatti in Roccasera?
Ja, genau. Andrea kann es Ihnen sicher besser erklären. Ich bin kein Archäologe.
Deine Frau? Gut, ich werde sie fragen.
Sein Sohn sieht ihn überrascht an. So sehr interessiert es Sie? Er wirft erneut einen Blick auf die Uhr.
Bis Mailand ist es weit, Vater. Bitte.
Der Alte steht langsam von der Bank auf, ohne den Blick von dem Paar zu wenden.
Beim Essen hat man sie beerdigt!, murme
lt er verwundert und folgt widerwillig seinem Sohn.
Am Ausgang wechselt der Alte das Thema.
Es ist nicht besonders gelaufen beim Direktor, stimmt's?
Sein Sohn schneidet eine Grimasse.
Na ja. Das Übliche, Sie wissen schon. Große Versprechungen, und dann ... Er hat Andrea sehr gelobt, das ja. Er hatte sogar ihren letzten Artikel gelesen.
Der Alte erinnert sich, wie er kurz nach Kriegsende mit Ambrosio und einem anderen Partisanen (wie hieß er noch, der Albaner, der so gut schießen konnte? Verfluchtes Gedächtnis!) nach Rom kam, um einen Parteifunktionär von der Agrarreform für die Region der Kleinen Sila zu überzeugen.
Hat er dich zur Tür gebracht und dir auf die Schulter geklopft?
Ja, sicher. Er war wirklich sehr nett.
Sein Sohn lächelt, während der Alte die Stirn runzelt. 'Wie damals', sagt er sich. 'Erst nachdem es drei Tote gegeben hatte bei dem Protestmarsch von Melissa, in der Nähe von Santa Severina, sind die Politiker in Rom aufgewacht und haben etwas unternommen.'
Sie kommen zum Parkplatz und steigen in den Wagen. Der Alte legt den Sicherheitsgurt an. Alles nur Geldmacherei, brummt er leise vor sich hin. Nicht mal mehr sterben kann man, wie man will!
Sie verlassen Rom auf der Autostrada del Sole. Kurz nachdem sie die Autobahngebühr bezahlt haben, dreht der Alte sich gemächlich eine Zigarette und kommt auf sein Thema zurück.
Hat man sie tatsächlich zusammen beerdigt?
Wen, Vater?
Dieses Paar. Die Etrusker.
Keine Ahnung. Kann sein.
Wie denn? Sie sind doch nicht gleichzeitig gestorben, oder?
Nein, das wohl nicht. Ich weiß es nicht. Wenn Sie auf den Knopf da drücken, springt der Anzünder raus.
Ach, hör mir auf mit deinem Anzünder! Wo bleibt denn da der Reiz?
In der hohlen Hand zündet er fachmännisch ein Streichholz an, wirft es aus dem Fenster und nimmt langsam den ersten Zug. Die Stille wird nur vom Geräusch des Motors, dem Summen der Reifen und hin und wieder einem aufdringlichen Hupen unterb
rochen. Der Geruch nach schwarzem Tabak, der sich im Wagen ausbreitet, weckt in seinem Sohn Erinnerungen an die Kindheit. Unauffällig lässt er das Fenster ein wenig herunter. Der Alte sieht ihn an. Er hat sich nie an die feinen Gesichtszüge seines Sohnes gewöhnt, ein mütterliches Erbe, das mit den Jahren immer deutlicher hervortritt. Er ist ein verantwortungsvoller Fahrer, ganz auf die Straße konzentriert. O ja, verantwortungsvoll war er schon immer.
Warum haben sie nur so ... na ja, so komisch gekichert? Noch dazu auf ihrem eigenen Grab?
Wer?
Na, wer schon! Die Etrusker, Junge, die aus der Grabkammer! Was hast du denn gedacht?
Mein Gott, die Etrusker! ... Woher soll ich das wissen! Außerdem haben sie nicht gekichert.
Und ob! Als wollten sie sich über etwas lustig machen. Hast du es nicht gesehen? Auf eine ganz seltsame Art ... mit geschlossenen Lippen, aber gekichert haben sie. Und was für Münder! Vor allem sie, wie ... Er hält inne, um nicht den Namen zu nennen, der sich plötzlich mit Macht in sein Bewusstsein drängt, Salvinia.
'Was für eine Manie', denkt sein Sohn gereizt. 'Ob die Krankheit sein Gehirn schon angegriffen hat?'
Sie haben nicht gekichert, Vater. Nur gelächelt. Selig gelächelt.
Selig? Was soll das denn heißen?
So wie die Heiligen auf den Bildchen, wenn sie zu Gott aufblicken.
Der Alte lacht laut.
Heilige, die zu Gott aufblicken? Die Etrusker? Schwachsinn!
Seine Überzeugung duldet keinen Widerspruch. Ein großer schneller Wagen mit einem Chauffeur in Livree überholt sie. Auf dem Rücksitz das flüchtige Profil einer eleganten Frau. 'Wann wird mein Sohn endlich erwachsen', denkt der Alte.
Die Etrusker haben gekichert, glaub mir. Sie haben sich noch auf dem eigenen Sargdeckel amüsiert. Ist dir das nicht aufgefallen? Was für Schlawiner!
Er zieht an seiner Zigarette.
Was ist eigentlich aus diesen Etruskern geworden?
Die Römer haben sie unterworfen.
Die Römer! Die müssen wohl immer ihre Hand
im Spiel haben
Sie fahren weiter Richtung Norden. Der Alte versinkt in Gedanken an alte Zeiten, die Diktatur, den Krieg und die Politiker, die danach kamen.
Die Sonne steht im Zenit und wärmt die herbstlichen Felder. Auf einem der Hügel ist die Weinlese noch im Gang, während in Roccasera längst der Most gärt. Dem Alten fallen die unregelmäßigen Furchen der Äcker auf. 'Wenn einer meiner Leute so schlampig arbeitete, würde ich ihn im hohen Bogen rauswerfen', denkt er. Jedes noch so kleine Detail der Landschaft verrät ihm etwas, obwohl sie hier im fremden Norden sanfter und grüner ist als zu Hause.
Das ganze Land hier gehörte früher d en Etruskern, erzählt der Junge, als wollte er seinen Vater aufmuntern.
Dem Alten kommen die Felder plötzlich fruchtbarer vor, als sie sind. Nach einer Weile sagt er:
Kannst du bei nächster Gelegenheit kurz anhalten, mein Junge? Ich muss mal. Du weißt schon, die Schlange.
Bekümmert denkt der Sohn an die schwere Krankheit seines Vaters. Ihretwegen bringt er ihn zu den Ärzten nach Mailand. Er macht sich Vorwürfe, weil er sie über seinen eigenen Sorgen einfach vergessen hat. Sicher, die mögliche Versetzung seiner Frau nach Rom ist wichtig, aber immerhin geht es mit seinem Vater zu Ende. Liebevoll wendet er sich an den Alten.
Natürlich, sobald es geht. Ich könnte auch einen Kaffee vertragen, damit ich nicht einschlafe.
Ich kann warten. Lass dir ruhig Zeit.
Sein Sohn sieht ihn von der Seite an. Das Profil eines Adlers mit deutlich sichtbarem Adamsapfel, als hätte er einen Kieselstein verschluckt, und tief in den Höhlen liegenden Augen. Wie lange noch wird er dieses unverwundbare Gesicht betrachten können, das ihm immer das Gefühl von Geborgenheit vermittelt hat? Das Leben hat sie voneinander entfernt und in verschiedene Welten verschlagen, und doch wird er den schützenden Schatten dieser alten Eiche vermissen. Die Furcht ist wie ein stechender Schmerz. Doch wenn er jetzt spräche, könnte der Vater seine Angst
bemerken, und das würde ihm nicht gefallen.
Sie halten an einer Tankstelle an. Als der Sohn den Wagen geparkt hat und in die Bar kommt, sitzt sein Vater bereits vor einer dampfenden Tasse.
Aber Vater! Hat der Arzt es nicht verboten?
Und wenn schon! Man muss ja schließlich noch leben.
Eben!
Der Alte lächelt wortlos und nippt genüsslich seinen Kaffee. Dann dreht er sich eine neue Zigarette.
Kurz nachdem sie weitergefahren sind, sehen sie einen Hinweis. Die nächste Ausfahrt ist Arezzo.
Das war eine bedeutende etruskische Stadt, erklärt der Sohn, als sie an der Beschilderung vorbeifahren.
Arezzo, merkt sich der Alte.


In einer Raststätte essen sie eine Kleinigkeit und kehren dann auf die Autobahn zurück. Wie ein Vorbote der Nacht senkt sich der Nebel über die Poebene und verhüllt mit seinen dichten Schwaden die schnurgeraden Pappelreihen. Der Alte nickt allmählich ein. Diese immer gleiche sanfte Landschaft und die abgezeichneten Felder langweilen ihn.
'Armer Vater', denkt sein Sohn, 'er ist völlig erschöpft. Ob er hofft, wieder gesund zu werden? Und wenn nicht, warum ist er dann gekommen? Dass er sein geliebtes Roccasera verlassen würde, hätte ich nie gedacht.'
Als der Alte aufwacht, ist es Nacht. Die grünlich leuchtende Uhr auf dem Armaturenbrett zeigt zehn nach zehn. Er schließt erneut die Augen, als wollte er es gar nicht wissen. Es ärgert ihn, dass er nach Mailand zurückkehren muss. Das vorige Mal, kurz nach dem Tod seiner Frau, hat er es keine zwei Wochen ausgehalten, obwohl die Kinder ihn für ein paar Monate eingeplant hatten. Alles war unerträglich: die Stadt, die Mailänder, die winzige Wohnung, seine Schwiegertochter. Und jetzt, wieder! 'Ich würde viel lieber zu Hause sterben', denkt er. 'Verfluchter Cantanotte! Warum hat es nicht ihn erwischt?'
Sie sind eingeschlafen?, fragt sein Sohn, als der Alte sich schließlich regt. Es ist nicht mehr weit, wir sind gleich da.
Ja, richtig, gleich schnappt die Fal
le zu. Für den Alten waren Städte schon immer gefährliche Fallen für ahnungslose Menschen. Bürokraten, Polizisten, Bonzen, Geschäftemacher und andere Parasiten haben es hier auf die Armen abgesehen, und das Mauthäuschen an der Ausfahrt, wo man den Wisch abgibt, ist die Falltür.
Als sie durch die Vorstädte fahren, sieht sich der Alte argwöhnisch um. Mauern, Fabrikhallen, geschlossene Werkstätten, schäbige Behausungen, unbebaute Grundstücke, Pfützen ... Rauch und Dunst, Schmutz und Schutt, vereinzelte trübe Straßenlaternen. Alles trostlos, schmutzig und abweisend. Als er das Fenster einen Spalt öffnet, steigt ihm ein muffiger Gestank nach Müll und Chemierückständen in die Nase. Erleichtert löst er den Gurt. Jetzt ist er wenigstens nicht mehr so eingezwängt und kann auf Gefahren schneller reagieren.
'Zum Glück ist die Rusca heute friedlich', tröstet er sich. Die Krankheit, die ihn von innen zerfrisst, nennt er Rusca, nach einem Frettchenweibchen, das ihm sein Freund Ambrosio nach dem Krieg geschenkt hatte. Im ganzen Dorf gab es keinen besseren Kaninchenjäger. 'Du nimmst Rücksicht auf mich, was, Rusca? Du verstehst, dass Mailand schon schlimm genug ist. Du kannst mir glauben, wenn es nicht sein müsste, wären wir beide auf unserem Fleckchen Erde geblieben.'
Er erinnert sich an das weiche Schnäuzchen, hinter dem sich messerscharfe Reißzähne verbargen. Einer von Cantanottes Hunden hatte das Frettchen getötet. Bei der Erinnerung muss der Alte grinsen. Aus Rache hatte er dem Hund den Schwanz abgeschnitten, und dem Cantanotte war nichts anderes übrig geblieben, als die Beleidigung zu schlucken. Kurz darauf hatte er obendrein die Nichte seines alten Rivalen entjungfert. Concetta.
Mittlerweile drängen sich Häuser und Mauern dicht an dicht, als wollten sie den Wagen immer tiefer in die Falle locken.
Die Ampeln regeln stur den kaum vorhandenen Verkehr. Leuchtreklamen blinken mechanisch wie zum Hohn. Hin und wieder eine unangenehme Überraschung: das grelle Läut
en einer Klingel, die niemanden erschreckt, das plötzliche Rattern eines Zuges auf der eisernen Überführung, unter der sie gerade hindurchfahren, das Brüllen eines Rinds oder der unerklärliche Gestank nach Dung - hier, mitten in der Großstadt.
Der Schlachthof, sagt sein Sohn und zeigt auf die Mauern rechts von ihnen. Da kaufen wir Innereien für die Fabrik.
Also auch für Tiere eine Falle.
Sie biegen in eine breite Straße ein. Was leuchtet da drüben so hell, und was machen diese Frauen ringsum? Sie sehen aus wie Hexen um einen Scheiterhaufen.
Der Wagen hält an einer roten Ampel. Eine der Frauen kommt auf den Wagen zu, reißt ihre Jacke auf und zeigt ihre nackten Brüste.
Na, wie wär's, Jungs? Habt ihr Lust? Die reichen für zwei!
Die Ampel springt auf Grün; sie fahren weiter.
Eine Schande!, murmelt der Sohn, als wäre es seine Schuld.
'Nicht übel', denkt der Alte verschmitzt. 'Wenigstens haben sie hier richtigen Speck in der Falle.'
Das Labyrinth schließt sich immer dichter um sie. Wenig später parkt der Sohn seinen Wagen zwischen den anderen am Straßenrand schlafenden Autos. Verwundert liest der Alte das Schild an der Ecke: Viale Piave.
Ist es hier?, fragt er. Ich kann mich gar nicht erinnern.
Die andere Wohnung war zu klein für uns drei geworden, erklärt sein Sohn und öffnet den Kofferraum. Das Viertel hier ist besser. Aber wir können uns die Wohnung nur leisten, weil sie nach hinten geht, auf die Via Nino Bixio. Andrea ist begeistert.
'Das Kind, natürlich', denkt der Alte und schämt sich, dass er nicht selbst darauf gekommen ist. Aber seit dem Tod seiner Frau und dem Ausbruch seiner Krankheit muss er an so vieles denken ...!
Sie gehen durch die Eingangshalle mit Sitzgruppe und Spiegel und bleiben vor dem Aufzug stehen. Der Alte hasst Aufzüge, verzichtet aber darauf, die Treppe zu nehmen, als er hört, dass die Wohnung im achten Stock liegt. 'Rusca würde in die Luft gehen', denkt er.
Oben schließt sein Sohn behutsam
die Tür auf, schaltet eine schwache Lampe an und bittet den Alten, leise zu sein, weil der Kleine schläft. Am Ende der Diele taucht eine Silhouette auf.
Renato?
Ja, Liebling. Wir sind es.
Der Alte erkennt Andrea wieder. Den schmalen, strengen Mund, die hervorstehenden Wangenknochen, den grauen Blick. 'Hatte sie nicht früher eine Brille?'
Willkommen zu Hause, Papa.
Hallo, Andrea.
Er umarmt sie. Ihre Lippen streifen seine Wange. Ja, sie ist es. Er kann sich noch an die knochigen Schultern und die flache Brust erinnern. 'Und sie nennt mich immer noch Papa, auf ihre geschraubte Art', sagt sich der Alte missmutig. Er ahnt nicht, wie schwer es ihr gefallen ist, diese heilige Begrüßungsformel auszusprechen, um die Renato sie inständig gebeten hat, denn sie erinnert sie an die beiden schrecklichen Wochen, die sie kurz nach der Hochzeit in der kalabrischen Wildnis verbrachten, wo jeder sie wie ein Insekt unter die Lupe nahm. Die Frauen waren sogar unter irgendwelchen Vorwänden in den Innenhof gekommen, um die feine Unterwäsche der Mailänderin zu inspizieren, die zum Trocknen auf der Leine hing!
Warum habt ihr so lange gebraucht?
Er erkennt auch ihren scharfen Ton wieder. Renato gibt die Schuld dem Nebel, aber sie hört schon gar nicht mehr hin, sondern geht den Flur entlang, in der Gewissheit, dass sie folgen werden. Sie schaltet das Licht an, lässt den Alten in das Zimmer vorgehen und zeigt auf den Wandschrank, wo sie die Wäsche für die Bettcouch aufbewahren.
Ich hatte keine Zeit, das Bett zu machen. Der Kleine wollte einfach nicht einschlafen. Entschuldigen Sie mich bitte, Papa, ich muss morgen sehr früh im Seminar sein. Gute Nacht.
Der Alte bedankt sich, und Andrea verlässt das Zimmer. Während Renato den Schrank öffnet, schweift der Blick des Alten durch das winzige Zimmer. Verspielte Gardinen vor dem Fenster, ein Nachttischchen mit Lampe, ein abstruses Bild an der Wand, das offenbar Vögel zeigt, ein Stuhl ...
Nichts sagt ihm et
was, aber das überrascht ihn nicht weiter.
Er zuckt im Geist die Achseln. Es ist nicht sein Haus, also ist es ihm egal.


Die Bettcouch lässt sich nicht aufklappen. Sein Sohn versucht es mit Gewalt, und der Alte weiß nicht, wie er ihm helfen soll. Außerdem will er nichts zu tun haben mit diesem Mechanismus, der so ganz anders ist als das hohe, massive Bett, in dem er seit seiner Hochzeit schläft. Wie ein Berg beherrscht es das Schlafzimmer. Das Kopfende aus poliertem Kastanienholz ist der Gipfel, die beiden weichen Matratzen aus Wolle auf einer Rosshaarmatratze, wie es sich für einen ordentlichen Haushalt gehört, sind die Wiesen. Klar und eindeutig zum Lieben, Gebären, Schlafen und Sterben bestimmt! Er denkt an andere Nachtlager seines bewegten Lebens. Den harten Boden der Schäferhütten, die Strohsäcke in der Kaserne, das trockene Heu in den Scheunen, das über dem steinigen Boden der Höhlen ausgestreute Gras, als er bei den Partisanen war, die Bauernmatratzen aus Maisstroh, die beim wilden Liebesspiel rasselten wie Schellen. Eine völlig andere Welt als diese Zelle hier mit dem Zwitterding, dessen gespannte Federn an Wolfsfallen erinnern.
Endlich gibt der Mechanismus nach, und die Bettcouch klappt fast ruckartig auf.


Pressestimmen

"Ein wunderschöner Roman über Liebe und Menschlichkeit, mit sehr viel Respekt vor dem Alter. Die Geschichte ist anrührend, traurig und amüsant zugleich, kurz: ein Lesevergnügen!"

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