Opernball als Taschenbuch
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Opernball

Roman. 'Fischer Taschenbücher Allgemeine Reihe'.
Taschenbuch
Die Gäste des Wiener Opernballs werden zum Ziel eines Terroranschlags. Ein Fernsehjournalist, der die Live-Übertragung aus den Ballsälen koordinieren soll, beobachtet das Verbrechen auf den Monitoren. Sein eigener Sohn ist unter den Opfern. Die Kamer … weiterlesen
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Opernball als Taschenbuch

Produktdetails

Titel: Opernball
Autor/en: Josef Haslinger

ISBN: 3596135915
EAN: 9783596135912
Roman.
'Fischer Taschenbücher Allgemeine Reihe'.
FISCHER Taschenbuch

1. März 2001 - kartoniert - 480 Seiten

Beschreibung

Die Gäste des Wiener Opernballs werden zum Ziel eines Terroranschlags. Ein Fernsehjournalist, der die Live-Übertragung aus den Ballsälen koordinieren soll, beobachtet das Verbrechen auf den Monitoren. Sein eigener Sohn ist unter den Opfern. Die Kameras laufen weiter und senden weltweit auf zahllose Bildschirme das Sterben von Tausenden. Der TV-Journalist versucht, von Trauer um seinen Sohn getrieben, die Hintergründe des Anschlags zu klären. Sie sind verworren, von Schlamperei und Zufällen geprägt. Mindestens so verworren wie das Weltbild jener kleinen Gruppe, die das Morden vorbereitete. Josef Haslingers spannender Medienroman und Politthriller entwirft das Panorama einer vom Terrorismus bedrohten Wohlstandsgesellschaft. Er zeigt die grotesken politischen Widersprüche auf zwischen Liberalität und Bedürfnis nach Sicherheit; den kaum kontrollierbaren Einfluß des Fernsehens auf Alltagsleben und Regierungsentscheidungen sowie das fatale Zusammenwirken von wiederaufflammendem Nationalismus, Fremdenfurcht und politisch motivierter Gewalt.

Portrait

Josef Haslinger, 1955 in Zwettl/Niederösterreich geboren, lebt in Wien und Leipzig. Seit 1996 lehrt Haslinger als Professor für literarische Ästhetik am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. 1995 erschien sein Roman >Opernball<, 2000 >Das Vaterspiel<, 2006 >Zugvögel<, 2007 >Phi Phi Island<. Sein letztes Buch >Jáchymov< erschien im Herbst 2011. Haslinger erhielt zahlreiche Preise, zuletzt den Preis der Stadt Wien, den Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels und den Rheingau Literaturpreis. 2010 war er Mainzer Stadtschreiber.

Leseprobe

Der Kameramann



Fred ist tot. Die Franzosen haben ihn nicht beschützt. Als die Menschen vernichtet wurden wie Insekten, schaute ganz Europa im Fernsehen zu. Fred war unter den Toten. "Gott ist allmächtig", hatte ich als Kind gehört. Ich stellte mir einen riesigen Daumen vor, der vom Himmel herabkommt und mich wie eine Ameise zerdrückt. Wenn etwas gefährlich oder ungewiß war, hatte Red gesagt: "Die Franzosen werden mich beschützen."



Ich saß damals im Regieraum des großen Sendewagens. Vor mir eine Wand von Bildschirmen. Auf Sendung war gerade die an der Bühnendecke angebrachte Kamera. Plötzlich ging ein merkwürdiges Zittern und Rütteln durch die Reihen der Tanzenden. Die Musik wurde kakophonisch, die Instrumente verstummten innerhalb von Sekunden. Ich schaltete auf die Großaufnahme einer Logenkamera und überflog die Monitore. Die Bilder glichen einander. Menschen schwanken, stolpern, taumeln, erbrechen. Reißen sich noch einmal hoch, können das Gleichgewicht nicht halten. Stoßen ein letztes Krächzen aus. Fallen hin wie Mehlsäcke. Einige schreien kurz, andere länger. Ihre Augen sind weit aufgerissen. Sie sehen, sie spüren, daß sie ermordet werden. Sie wissen nicht, von wem, sie wissen nicht, warum. Sie können nicht entkommen. Als es geschah, fand ich Fred nicht auf den Bildschirmen. Er war der einzige Gedanke, an den ich mich erinnere. Die Aufzeichnung bewies mir jedoch, daß ich routinemäßig noch ein paar andere Kamerapositionen abgerufen hatte, bevor mir die Hände versagten. Millionen von Menschen aus ganz Europa schauten den Besuchern des Wiener Opernballs beim Sterben zu.



Fred wurde erst mein Sohn, als er siebzehn Jahre alt und heroinsüchtig war. Damals begann ich, um ihn zu kämpfen. Er gewann sein Leben zurück. Er wollte es festhalten. Er war sich selbst keine Gefahr mehr. Er hatte Tritt gefaßt. Und dann wurde er ermordet. Wir alle sahen zu und konnten nichts tun.



Um mich herum ein paar T
echniker. Einer von ihnen war geistesgegenwärtig genug, mein Regiepult zu übernehmen. Die bemannten Kameras lieferten bald nur noch Standbilder, auf denen nacheinander die Bewegungen erstarrten. Stumme Aufnahmen von glitzernden, hohen Räumen, übersät mit Toten. Fotos von Menschen in Ballkleidern, die bunt durcheinander in Erbrochenen liegen, umrankt von Tausenden rosa Nelken. -Die drei automatischen Kameras fingen wieder zu schwenken an. Vergeblich suchten sie nach Anzeichen von Leben. Neben mir sprach einer französisch. Ich schwankte hinaus in den Lärm. Ich dachte, ich müsse Fred retten. Draußen herrschte Chaos. lch drängte mich durch die Menge, bis ich in die Nähe des Operneingangs kam. Da sah ich, daß es nichts gab, was ich für Fred noch hätte tun können. Als ich in den Sendewagen zurückkam, erfuhr ich, daß Michel Reboisson, der Chef von ETV, nach mir verlangt hatte.



ETV blieb europaweit auf Sendung. Eine unerträgliche Stille. Nur zwei Kameras waren ausgefallen. Die anderen lieferten weiter ihr jeweiliges Standbild. Sie wurden in langsamer Folge auf Sendung geschaltet. Jemand schrie ins Telefon: "Musik, wir brauchen Musik!"



Wir hatten keine geeignete Aufnahme im Sendewagen. Nach einer Welle wurde vom Studio aus, wo es in dieser Nicht nur einen technischen Notdienst gab, das Violinkonzert von Johannes Brahms eingespielt. Der Streit darüber, ob dies die richtige Musik sei, dauerte bis gegen Ende des zweiten, Satzes. Dann wurde das Violinkonzert unterbrochen. Es gab Durchsagen der Polizei und der Feuerwehr. Währenddessen wurde Mozarts Requiem gefunden. Wir blieben auf Sendung. Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis die Kameras auf den mit Leichen verstopften Korridoren der Wiener Staatsoper wieder Leben einfingen - Männer mit signalroten Schutzanzügen und Gasmasken.



Ich sah den Massenmord auf zwanzig Bildschirmen gleichzeitig. Mein einziger Gedanke: Fred ist nicht dabei. Ich finde ihn nicht. Er hat eine neu
e Kassette geholt., Er ist auf die -Toilette gegangen. Fr hat Kamera fünf seinem Assistenten überlassen, ist rauchen gegangen. Fred ist starker Raucher. Er ist nicht im Saal. Und doch sehe ich, wie er den Mund aufreißt, wie er auf die am Boden liegende Frau fällt. Ich sehe seinen leblosen Körper, das Erbrochene das aus seinem Mund auf das weiße Abendkleid herabrinnt. Ich sehe, wie es seinen Kopf mit einem Ruck nach hinten reißt, wie er über die Balkonbrüstung stürzt. Ich sehe, wie sein Gesicht in einem Teller aufschlägt. Ich sehe, wie sich sein Körper zusammenkrampft. Ich sehe, wie er auf der Feststiege zertrampelt wird. Ich kann Fred nicht finden.



Nur noch drei Kameras werden bewegt. Kamera fünf zoomt. Das muß sein Assistent sein. Fred hat -die Situation erkannt und ist fortgelaufen. Fred ist nicht mehr in der Oper. Die Franzosen haben ihn beschützt. Er wurde draußen auf der Ringstraße gebraucht. Er kennt sich bei Hebekränen gut aus. Kamera fünf bewegt sich nicht mehr. Sie zeigt eine Loge mit Toten. Fred, wo bist du? Die letzte Kamera stellt die Bewegung ein. Nur noch starre Bilder von starren Körpern. Die amplifier der Saalmikrophone zeigen kaum noch Ausschläge. Fred liegt irgendwo unter den Leichenbergen. (...)

Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung vom 11.04.1995

Geringstes mit großen Folgen
Erfolgreich unelegant: Josef Haslinger besucht den Opernball

Der Schriftsteller, das macht den naturgemäßen Größenwahn der Spezies aus, ist seit eh und je Herr über Leben und Tod seiner Phantasiefiguren. Daran haben wir uns längst gewöhnt, aber auch an den Brauch, daß Autoren von Rang die letalen Möglichkeiten in der Regel sparsam nutzen. Schon Shakespeare wurde bekanntlich postum für seinen "Titus Andronicus" gerügt, weil die allzu hohe Mortalitätsrate der "dramatis personae" und die darin vorgeführten, geballten Greuel den guten Geschmack verletzten. Auch der österreichische Erzähler und Essayist Josef Haslinger erntet mit seinem ersten Roman nicht nur Lob und Verkaufserfolg.

Die moralisierende Kritik, als ästhetische verkleidet, zielt auf angeblich spekulative Absichten. Haslinger habe "so klug wie gnadenlos auf einen Bestseller hingeschrieben", lesen wir da, oder: "Das Konzept des Buches böckelt ein bißchen nach kalkuliertem Skandal." Lassen sich diese, vor allem in Österreich erhobenen, Vorwürfe aufrechterhalten? Ich glaube nicht.

Gewiß, rund dreitausend Menschen werden in "Opernball" auf grauenhafte Art umgebracht. Eine vergleichsweise kleine Minderheit von immerhin vierundzwanzig "Gastarbeitern" kommt bei einem Brandanschlag um, in der Wiener Staatsoper sterben durch neonazistischen Giftgas-Terror unübersehbare Mengen - all die Prominenz aus dem In- und Ausland, die Schönen und die Reichen und die Mächtigen krepieren elendiglich. Ein rechter Super-Gau, Auschwitz heute, "Apocalypse Now" - Schlagworte sonder Zahl drängen sich auf. Zudem wurde der Band gerade in jenen Wochen ausgeliefert, als vier Roma im Burgenland einem Bombenattentat zum Opfer fielen. Grund genug, die erschreckende Aktualität des Romans zu beklagen, doch sicherlich kein Anlaß, sie dem Verfasser anzukreiden, der sich offenbar mehrere Jahre damit beschäftigt hat.

"Opernball" ist ein in deutscher Sprache unübliches literarisches Unternehmen: keine Literatur-Literatur, sondern ein Politthriller mit gesellschaftskritischem Anspruch. Fakten und Fiktion gehen hier eine Ehe oder bloß ein illegitimes Verhältnis nach amerikanischem Muster ein. Kurt Fraser, die Hauptperson, war einst Kriegsberichterstatter. Am Abend des Opernballs ist er als Sendeleiter für die europäische Fernsehanstalt ETV im Einsatz. Hilflos muß er auf Dutzenden Bildschirmen mitansehen, wie die leicht halbseidene Amüsier-Society, unter der sich auch sein Sohn als Kameramann befindet, erstickt.

Der Vater will sich das Unerklärliche des Horrorszenarios erklären. Er begibt sich auf Spurensuche. In Tonbandprotokollen monologisieren ein Attentäter, ein Polizist und Überlebende. Geschickt sind die verschiedenen Rückblende-Geschichten zusammengeschnitten. Nicht zuletzt dem Kunstgriff des Unterbrechens und Verzögerns verdankt sich die Spannung bei der Lektüre. Wir erfahren einiges von der Stimmung, von der fatalen Mißstimmung in der Wiener Exekutive; wir lernen das aberwitzige Sekten-Grüppchen der "Entschlossenen" kennen, das sich um seinen Führer schart. Der "Geringste", eine seltsam charismatische Gestalt mit religiös-fanatischen Zügen, inszeniert das Massaker als Fanal für die bürgerlich-demokratische Welt.

Zugleich entsteht jedoch ein wenig schmeichelhaftes Sittengemälde der derzeitigen Republik Österreich. Der Verdacht, daß die Spitzen der Sicherheitskräfte mit der rechtsextremen Szene zumindest sympathisieren, wird ebenso geweckt wie jener, daß die Oberen des Medienriesen ETV über den geplanten Massenmord vorab informiert waren und ihn als Einschaltquotenknüller bewußt in Kauf nahmen. Wer die Klischeehaftigkeit so mancher Aussagen und Charaktere bemängelt, der vergißt eine betrübliche Tatsache: Leider sind die Klischees in diesem Fall ein ziemlich genaues Abbild realer Tendenzen. Die durch die Beseitigung fast der gesamten Bundesregierung notwendig gewordenen Wahlen gewinnt die populistische, ausländerfeindliche "Nationale Partei".

Haslinger differenziert die einzelnen Stimmen stilistisch nur in Andeutungen, allein - es stört kaum, denn die knappen, parataktischen Sätze erzeugen beträchtliche Sogwirkung. Enttäuscht wird man freilich im Finale. Der Versuch, die Erzählstränge zu einem Knoten zu schürzen und diesen auf flotte Art befriedigend zu lösen, hat sein Fragwürdiges. Ein bißchen erinnert er an die Methode von Alexander dem Großen, der mit dem Schwert dreinschlug. Trotzdem hat Josef Haslinger mit "Opernball" eine mehr als respektable Leistung geboten: kein bedeutendes Kunstwerk, aber vortrefflichen Lesestoff, für den sich niemand - weder Produzent noch Konsument - genieren muß. ULRICH WEINZIERL

Josef Haslinger: "Opernball". Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1995. 474 S., geb.

© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt.

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