
Besprechung vom 11.10.2025
Das stille Haus
Nicht wenigen Eltern fällt es schwer, ihre erwachsenen Kinder aus dem Haus gehen zu sehen - besonders wenn es das letzte oder das einzige Kind ist. Trauer und Verlassenheit werden noch um die Scham vermehrt, denn es ist diesen Eltern sehr wohl bewusst, dass ihre Aufgabe gerade darin besteht, die Selbständigkeit ihrer Kinder nicht nur zuzulassen, sondern zu fördern. Von den Gefühlen im leeren Nest wird selten gesprochen - wenn, dann werden sie, den tradierten Rollenzuschreibungen gemäß, eher Müttern zugebilligt.
Umso mehr muss überraschen, dass ein deutscher Dichter des 19. Jahrhunderts dieses Syndrom als Problem auch für Väter beschrieben hat, kein anderer als Joseph von Eichendorff in seinem Gedicht "Zum Abschied". Gut versteckt allerdings, vielleicht aus Gründen der Scham. Denn bei flüchtiger Lektüre möchte man dieses Gedicht als eher konventionelle Szene eines Abschieds unter Liebenden begreifen. Von Liebe ist auch die Rede, doch offenbart sich erst in der letzten Zeile, um welche besondere Beziehung es sich dabei handelt, sodass man das Gedicht sogleich ein zweites Mal lesen muss.
"Der Herbstwind schüttelt die Linde . . .": Eichendorff setzt schon mit dem ersten Vers ein Bild aus dem Fundus der Jahreszeiten, das allgemein zugängliche, erwartbare Gedanken auslöst: "Wie geht die Welt so geschwinde!" Ja, der Herbst lässt uns (immer noch) an die Zeitlichkeit denken, wir fühlen uns mit fortgerissen, wie ein Blatt im Wind - Gedichte, die sich solcher Motive bedienen, sind Legion. Eichendorff hat sich darum nicht gesorgt. Innovationszwänge waren ihm fremd. Wie kein anderer Dichter arbeitete er mit dem immer gleichen Arsenal von Bildern, dazugehörigen Stimmungen und vertrauten Reimen.
Seinen unverkennbaren Ton und die unscheinbare eigene Weise, das Gedicht aufzufassen, schöpfte er aus der Liedersammlung "Des Knaben Wunderhorn", die Clemens Brentano und Achim von Arnim 1806 in Heidelberg herausgaben, für den jungen Studenten Eichendorff ein prägendes Erlebnis. So ist auch die Form, die er in "Zum Abschied" verwendet, eine Variante der Volksliedstrophe, sechszeilig, mit Schweifreim, nach dem Schema aabccb, das man aus zahlreichen Kirchenliedern kennt, ebenso aus "Innsbruck, ich muss dich lassen" - auch dies ein Abschiedsgedicht.
Die dritte Zeile - "halte dein Kindelein warm!" - lässt kurz aufhorchen, wirkt unklar, wie hineingesprochen in etwas anderes, fortgerissen unter der starken Bewegung, die folgt und das Jahreszeitenmotiv mit der bekannten Flüchtigkeit der Liebe verknüpft: "Der Sommer ist hingefahren, /Da wir zusammen waren - / Ach, die sich lieben, wie arm!" Ein Liebesgedicht, denkt man; denn als "Kindelein" konnte in der patriarchalen Sprache der Zeit auch eine Liebste angesprochen sein.
Mit einem starken, wirkungsvollen Kunstgriff verzahnt der Dichter die erste und zweite Strophe, durch Umkehrung und Erweiterung des klagenden Ausrufs: "Wie arm, die sich lieben und scheiden!" Und dann, so ungelenk wie innig: "Das haben erfahren wir beiden". Wieder ist es der dritte Vers der Strophe, der etwas ins Spiel bringt, das sich erst vom Ende her in seiner spezifischen Bedeutung erschließt: "Mir graut vor dem stillen Haus."
Erst jetzt bricht aus der Versunkenheit mit Wucht das Erkennen der äußeren, gegenwärtigen Situation hervor, der Abschied, der in diesem Moment geschieht - die andere Person, die sich winkend umwendet, zum Zurückgelassenen: "Dein Tüchlein läßt du noch wehen, / Ich kann's vor Tränen kaum sehen, / Schau still in die Gasse hinaus." Endlich - wieder unter Verzahnung von Strophenende und -anfang - wird die räumliche Lage ("Die Gassen schauen noch nächtlich") und die zuerst langsame, dann immer raschere Fahrt des Wagens erfasst, als unumkehrbarer Prozess der Entfernung: "Es rasselt der Wagen bedächtig - / Nun plötzlich rascher der Trott / Durchs Tor in die Stille der Felder . . .".
Die scheidende Person hat den umschlossenen Bezirk des Hauses und der Stadt hinter sich gelassen und entgleitet ins Offene und Unabsehbare: "Da grüßen so mutig die Wälder". Mit dem bei Eichendorff schier unvermeidbaren Reim von "Felder" auf "Wälder" spricht sich der in Trauer Erstarrte selbst Trost zu, fast ohne es zu bemerken. Denn der "mutige", ermunternde Gruß der Wälder weitet beiden, der Scheidenden wie dem Zurückgelassenen, das Herz. Vor diesem Bild gelingt ihm das Loslassen, und er gewinnt - in Erwiderung des wehenden Tüchleins - die Kraft zum befreienden Reisesegen: "Lieb' Töchterlein, fahre mit Gott!"
So liest sich dieses anrührende Gedicht von seinem Ende her als Abschied eines Vaters von der erwachsen gewordenen Tochter, die in ihr eigenes Leben zieht. Vorbei die Zeit, in der es ihm oblag, sein Kindelein im Herbst gut warm zu halten - das ist lediglich eine Erinnerung an den hingefahrenen Sommer des Lebens, der sich als die verflossene Zeit der Elternschaft erweist. Jetzt ist es Herbst, das stille Haus wartet. Eichendorff hat einem selten artikulierten Gefühl bleibenden Ausdruck geschaffen.
Joseph von Eichendorff: "Sämtliche Gedichte und Versepen". Insel Verlag, Frankfurt am Main 2001. 747 S., geb., 25,- Euro.
Von Norbert Hummelt erscheint in Kürze: "Hellichter Tag". Gedichte. Luchterhand Literaturverlag, München 2025. 112 S., geb.
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