
My lovely Shame - Eine Liebeserklärung an die Lebensfreude und die Lust am Erzählen
Das Gegenteil von "ich-bin-nicht-gut-genug"
Mein Freund Roland ist schokoladensüchtig und deswegen einmal ins Krankenhaus eingeliefert worden. Meine Freundin Rita spart auf eine Brust-OP - sie hat die Brüste ihre Mutter geerbt, die sie mit fünf Jahren verlassen hat. Mein Sohn bringt keine Freunde mit nach Hause, weil er sich für unseren Lebensstil schämt. Mein Mann irrt lieber zwei Stunden länger durch die Gegend, als Fremde nach dem Weg zu fragen.
Und ich?
Ich bin nicht nur die Königin des Selbstmitleids. Ich bin vor allem die Königin der Schamgefühle.
Das Jahr, in dem dieses Buch geboren wurde, hatte mir das Leben einen Arschtritt nach dem nächsten verpasst.
Ein Hollywood-Projekt, das mir erst vor die Nase gehalten und dann weggeschnappt wurde. Ein grandioses Serienprojekt, dass von zwei Autoren aus der Hölle boykottiert worden war. Und das nagende Gefühl, dass ich seit Jahren auf der Stelle trat, während andere an mir vorbeizogen.
Der absolute Tiefpunkt:
Ich sitze auf der Berlinale, in der Premiere meiner Kollegin Emily. Wir haben zusammen studiert. Seit Jahren vergleiche ich mich mit ihr. Sie hat alles, was ich glaube, nicht zu haben: Glamour, Geheimnis, wie die Filmstars aus den 40-ern. Und dieses mühelose Talent, sich selbst treu zu bleiben.
Ich hoffe, dass ihr Film schlecht ist. Ich will es wirklich. Damit ich mich anschließend gut fühlen kann.
Der Film ist großartig. Dem Publikum ist klar: A star is born. Ebenso klar ist: Die Lücke zwischen unseren beiden Lebensläufen wird sich nie mehr schließen.
In diesem Moment fahre ich innerlich gegen die Wand.
Die Sackgasse ist erreicht. Meine Scham lodert lichterloh. Die selbstbewusste, fröhliche Kathrin, die furchtlos nach den Sternen gegriffen hat, kann ich nicht mehr in mir wieder finden.
Das Gegenteil von Scham
Als Medizin verordne ich mir, über dieses verzehrende Gefühl zu schreiben. Über Scham, Neid und das Gefühl, nicht gut genug zu sein. Es ist unheimlich: viel lieber würde ich nackt vor meinen Eltern Cha-Cha-Cha tanzen, als mir bestimmet Ereignisse meines Lebens anzuschauen. Beim Schreiben entdecke ich, wie oft ich anderen die Schuld gegeben habe, statt selbst Verantwortung zu übernehmen. Dass manche Chancen unwiederbringlich verloren sind. Dinge sind schiefgegangen, die sich nicht reparieren lassen. Es tut weh. Und doch: jede einzelne Geschichte hält sagenhafte Wunder bereit.