Mit diesem Buch gelingt Kerstin Lange ein eindrucksvoller historischer Roman, der persönliche Schicksale und politische Umbrüche auf bewegende Weise miteinander verbindet. Die Geschichte führt ins Lissabon der frühen 1960er-Jahre und zeichnet das Porträt einer jungen Frau, die zwischen familiärer Verantwortung, Liebe und dem Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben ihren Weg finden muss.
Im Mittelpunkt steht Amália, deren Leben nach einem schweren Verlust aus den Fugen gerät: Der Tod ihres Bruders, das Verschwinden des Vaters und die Krankheit der Mutter zwingen sie, früh Verantwortung zu übernehmen. Besonders gelungen ist, wie die Autorin diese persönliche Geschichte mit den politischen Spannungen im Portugal jener Zeit verknüpft. Die Begegnung mit dem engagierten Studenten Marcelo bringt nicht nur eine Liebesgeschichte ins Spiel, sondern auch das Thema Widerstand gegen ein autoritäres Regime und damit eine zusätzliche emotionale und gesellschaftliche Tiefe. Mir persönlich ist die portugiesische Geschichte komplett fremd gewesen.
Stärken des Romans liegen vor allem in seiner Atmosphäre und Figurenzeichnung. Lissabon wird lebendig und greifbar beschrieben, während Amálias innerer Konflikt zwischen Sicherheit und Aufbruch sehr nachvollziehbar dargestellt ist. Die Autorin schafft es, große Themen wie Freiheit, Verantwortung und Hoffnung in eine persönliche, nahbare Geschichte einzubetten. Dabei wirken die Emotionen nie überzogen, sondern ruhig und authentisch erzählt.
Der Schreibstil ist flüssig, einfühlsam und gut zugänglich. Die Handlung entwickelt sich eher ruhig, bleibt aber durchgehend fesselnd, da man Amália gern auf ihrem Weg begleitet. Besonders die Verbindung aus Liebesgeschichte und politischem Hintergrund verleiht dem Roman eine zusätzliche Spannungsebene.