Mit einem gestohlenen Drachenei im Gepäck wird die junge Nisha als Spionin bei den Drachenreitern eingeschleust. Ihre Aufgabe: Manipulieren, lügen und Geheimnisse stehlen. Tut sie das nicht, stirbt ihre Familie. Langsam und mit wachsendem Widerwillen arbeitet sie sich in der Rangordnung hoch und wird eine Musterschülerin, auch wenn die Aufgabe schwer auf ihrem Gewissen lastet. Als eines Tages ein seltsamer Waisenjunge mit dubioser Vergangenheit auftaucht und sich selbst als Nachfolger des Drachenfürsten ausruft, ist ihre Neugier geweckt und schon bald kommt sie einem Geheimnis auf die Spur, das ihre ganze Welt für immer verändern wird... Eigentlich war die Geschichte der Asrai mit "Das Herz der Drachen" bereits abgeschlossen. Mit dem Spin-Off Prequel "Der Schatten des Shetai" schenkt uns Liane Mars die einmalige Gelegenheit, nun doch noch einmal nach Arandor zurückzukehren und einen ganz neuen Blickwinkel auf eine Geschichte zu gewinnen, die wir bereits kennen. Stilistisch bleibt das Buch seinen Vorgängern treu, mit flüssigem, gleichmäßigem Schreibstil, der vor allem auf Spannung und Charakternähe ausgelegt ist, während der Fokus nicht zu stark auf dem Worldbuilding liegt, das es zwar gibt, dem allerdings nicht zu viel Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Tatsächlich stört das an der Stelle aber kaum. Wer sich nicht mehr an alle Details aus den Vorgängern erinnern kann, der wird mit einer kurzen Zusammenfassung und einem Namensglossar versorgt. So kann man die Vorgeschichte, wenn man denn möchte, sogar vor der eigentlichen Reihe lesen und die Handlung auf eine vollkommen neue Weise erleben. Das Buch beginnt mehrere Jahre vor Band eins ("Das Portal der Drachen") und stellt eine neue Protagonistin vor. Nisha ist gerissen, clever, gnadenlos und würde alles tun, um ihre Familie zu retten. Egal, wie moralisch angeschlagen es auch sein mag. Durch ihre Augen lernen wir bereits bekannte Protagonisten noch mal ganz neu kennen (und lieben) und erhalten eine neue Verständnisebene. Die zweite Stimme, die die Geschichte erzählt, gehört überraschenderweise Ian selbst. Der Ian, der mehr als ein Geheimnis hütet, der an seinem Gewissen und seiner Aufgabe zu zerbrechen droht, der, den wir in der Original-Geschichte als undurchschaubaren, aber doch liebenswerten Hauptcharakter kennengelernt haben. Dieses Buch erzählt nun seine Version der Geschichte und seine Vergangenheit - und diese ist noch mal um einiges düsterer, als angenommen. Er steht als Hoffnungsschimmer für sein leidendes Volk da, ist gezwungen, ein anderes Volk sterben zu lassen, damit seines überlebt und ertrinkt in Lügen und Ungerechtigkeit. Die ganzen Hintergründe und Intrigen, die er gesponnen hat, waren in der eigentlichen Asrai-Dilogie ziemlich verwirrend und kaum zu durchblicken, die Vorgeschichte jedoch hilft, um seine ganze, komplexe und verdrehte Geschichte zu verstehen. Obwohl man also den Ausgang der Ereignisse im Groben schon vorher kennt, ist dieses Buch erstaunlich spannend. Viele Details, die vorher unbekannt waren, kommen ans Tageslicht, es gibt noch einiges über die Drachen und ihre Geschichte zu erfahren und obwohl die Geschichte bereits bekannt ist, fühlt sie sich ganz anders an, die neue Perspektive verleiht ihr eine Menge zusätzliche Tiefe. Es lohnt sich bestimmt, nach diesem Buch, mit dem neuen Wissen, noch mal die ersten beiden Teile zu lesen und Ausschau nach Details zu halten, die erst im Nachhinein Sinn ergeben. Da Liane gern ihre Leser quält, endet die Geschichte auch nicht mit diesem Buch, sie wirft den Leser bloß an der Stelle ins Geschehen, an der schließlich die Haupthandlung der Asrai-Reihe beginnt, nur mit einem anderen Erzähler und mehr als einer unbeantworteten Frage. Es wird also einen weiteren Band geben, der uns noch mehr von Ians Geheimnissen verraten wird und in dem es hoffentlich noch weitere heiter-sarkastische Kommentare vom heimlichen Star dieses Buches (Babydrache Manila im Ei) zu lesen gibt. "Der Schatten des Shetai" ist eine wunderbare Rückkehr in eine liebgewonnene Fantasywelt für alle Asrai-Fans und ein fesselndes Abenteuer für alle anderen, die es noch werden wollen.