Ein Haus (am Meer) als verbindendes wie trennendes Element bei der Aufarbeitung einer generationenübergreifenden Geschichte
Wie stark die Umwelt das Leben und die Gedankenwelt prägt, wird in dieser einfühlsam aber auch schmerzlich-direkt verfassten Romangeschichte deutlich. Drei Generationen, Großvater - Vater - Sohn (Ich-Erzähler), auf dem Weg sich von einem verbindenden Teil ihrer Geschichte zu trennen: dem Haus am Meer. Wobei Haus eher ein Euphemismus ist, da die Wohnung, seit Jahren unbewohnt, inzwischen äußerst verkommen und damit stark renovierungsbedürftig, nun endgültig verkauft werden soll.Dass damit auch einem Teil des Lebens ein wichtiger Bezugspunkt genommen wird, ist den Beteiligten bewusst. Unterschiedlich stark, je nachdem wie lange die dort verbrachte Lebenszeit dauert, bevor man, der Binnenmigration folgend, nach Mailand umzog. Der Großvater stark, aber schamhaft, da als Bauernbursche und Analphabet eher mit dem Gefühl des nun vollständig entwurzelten umfangen. Der Vater, der es immerhin schafft, auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur nachzumachen, sozusagen zwischen den Stühlen, aber schon stärker im Hier und Jetzt verankert. Und der Sohn, der zwar studiert, aber als Lehrer bislang keine Anstellung gefunden hat, ist die Wohnung der Ort (Barletta) nur noch als sommerliche Erinnerung und eine frühe "Liebe" in (guter) Erinnerung.Insgesamt nicht unbedingt eine gute Voraussetzung, um einen einfachen Abschied, und sei es nur von einem Gemäuer, zu nehmen, zumal große Teile des Lebens zu schweigenden Missverständnissen geführt und die jeweilige Vorstellung, wie jemand zu sein habe, für zusätzlichen Sprengstoff in den Beziehungen gesorgt haben. Wie diese teils verbitterte Gemisch gegenseitiger Anklagen dennoch zu einem halbwegs passablen Resultat führt, wird hier sehr anschaulich dargestellt. Der Aufenthalt kulminiert in der Frage, ob es für das Familienleben besser gewesen wäre am Ort zu bleiben - auch wenn die Lebensbedingungen nicht mit denen der Großstadt Mailand vergleichbar sind (und die schiere Not den Schritt in den Norden quasi erzwungen hat). Auch wenn diese Frage letztlich nur der Sohn stellt, aus der Distanz der Zeit stellen kann.(26.5.2022)