Spannend, mitreißend, dramatisch, beunruhigend und nachdenklich stimmend.
Inhalt:Es klingt verlockend: Wer bereit ist für ein sozialwissenschaftliches Experiment 14 Tage in einem Scheingefängnis zu verbringen erhält dafür 200 DM pro Tag. Als sich der Journalist Tarek und die übrigen Versuchspersonen auf das Experiment einlassen ahnt niemand welche menschlichen Abgründe dadurch zum Vorschein kommen werden und auf welch beängstigende Weise die Dinge schon bald aus dem Ruder laufen werden..."Sie verlieren den Kontakt zur Realität. Sie nehmen alles so ernst." (S. 240)Meine Meinung:Die Grundidee von diesem tollen Buch ist außergewöhnlich, sehr interessant und richtig spannend: Ausgehend von realen Begebenheiten - dem"Stanford-Prison-Experiment"von 1971 und dem noch berühmteren"Milgram-Experiment" von 1961 - wird die fiktive Geschichte eines ähnlichen Experiments erzählt, das außer Kontrolle gerät.Das Buch hat mich schnell in seinen Bann gezogen. Es entfaltet sich eine unglaublich spannende, dramatische, beunruhigende und erschreckende Geschichte, die sehr atmosphärisch und eindringlich geschildert wird. Das Erzähltempo ist hoch und die Geschichte nimmt schnell Fahrt auf. Das Buch geht einem nahe und sorgt für mehr Gänsehautmomente als so manche Horrorgeschichte. Gleichzeitig stimmt es aber auch nachdenklich und ist tiefgründiger als erwartet, weil nebenbei ernste Themen angesprochen werden.Es wird zwar eine fiktive Geschichte erzählt, aber es geht um reale menschliche Abgründe und das verleiht dem ganzen einen besonderen Gruselfaktor. Klar, ein Experiment dieser Art würde normalerweise rechtzeitig abgebrochen werden und natürlich würden längst nicht alle Versuchspersonen derart die Beherrschung verlieren wie einige der in dem Roman beschriebenen Charaktere. Das ändert aber nichts daran, dass es in diesem Buch im Kern um ein reales und sehr beunruhigendes Thema geht: In Extremsituationen (wie z. B. im Krieg) können sich unerwartet große und beängstigende menschliche Abgründe auftun. Zudem werden Anordnungen erschreckend bereitwillig und ohne Widerspruch befolgt, wenn sie von einer als übergeordnet anerkannten Instanz kommen - besonders, wenn noch dazu ein unpersönlicher Umgang herrscht und die Individualität in den Hintergrund gerät. Das ist ein ernstes Thema, das mich sehr nachdenklich gestimmt hat."Jede Armee der Welt kennt es. Wenn du Menschen dazu bringen willst, etwas zu tun, was sie gar nicht tun wollen, also töten oder getötet werden oder sich auf engstem Raum einsperren lassen, dann gibt es nur eine Methode: totaler Drill. Vollständige Zerstörung der Individualität." (S. 184)Es ist äußerst interessant zu verfolgen wie sich die Dynamik zwischen den Wärtern und Gefangenen in sehr negativer und beunruhigender Weise verändert. Zudem wird sehr anschaulich und nachvollziehbar beschrieben wie sich das Experiment negativ auf die Gedanken, das Verhalten und das Wohlbefinden einzelner Versuchspersonen auswirkt. Dazu tragen einige Faktoren besonders viel bei: Die Gefangenen haben keine Privatsphäre, werden nur mit Nummern statt mit Vornamen angesprochen und das Experiment läuft rund um die Uhr. Man spürt wie bei allen Versuchspersonen - seien es Wärter oder Gefangene - die Grenzen zwischen Realität und Experiment zunehmend verschwimmen. Ich fand diese Entwicklung sehr interessant, aber gleichzeitig auch sehr bedrückend.Ich fand es auch echt gut gemacht, dass man es mit sehr unterschiedlichen Charakteren zu tun hat, die dementsprechend auch sehr unterschiedlich auf die Extremsituation reagieren. Manche verzagen schneller als andere, manche sind eher bereits zu widersprechen und sich aufzulehnen, manche sind Täter während andere eher Mitläufer sind und nicht alle sind in gleichem Maße anfällig ihr Verhalten aufgrund besonderer äußerer Umstände drastisch zu ändern. Die zufällig vorgenommene Einteilung in Wärter und Gefangene führt schon bald zu einem "wir gegen die" und die Fronten verhärten sich zunehmend. Das Auftreten der Wärter wird allgemein selbstbewusster, dominanter, kontrollierender und autoritärer. Manchen von ihnen steigt die neugewonnene Machtposition besonders zu Kopf und sie beginnen damit einzelne Gefangene wegen Regelverstößen zu schikanieren und zu demütigen um sie zu brechen. Das ist äußerst beunruhigend zu lesen. Unter den Gefangenen gibt es zu Beginn noch welche, die sich beschweren, die widersprechen und die aufbegehren. Da sie der Willkür der Wärter ausgeliefert sind und Strafen zu befürchten haben resignieren sie jedoch bald und fügen sich in ihre Rolle. Ganz besonders eindrücklich fand ich es wie die Schrecken einer Isolationshaft in einer licht- und schallisolierter Box geschildert werden. Es ist furchtbar und macht betroffen wie schnell der Gefangene jegliches Zeitgefühl verliert, wie sehr er sich in negativen Gedankenschleifen zu verlieren droht und wie schwer sich die aufkommende Panik bekämpfen lässt. Das ist eine Szene im Buch, die man nicht so schnell vergisst:Kaum eine Stunde nach seiner Isolierung wusste Tarek nicht mehr, ob erst Minuten oder bereits Stunden verstrichen waren. Damit kehrte die Panik zurück, mächtiger als zuvor, mächtiger als alles. Sie staute sich auf, füllte den ganzen Raum aus, dichter und dichter, bis sie ihn irgendwann erdrücken würde. [...] Er schrie gegen die Stille, die Nacht und seine Angst und nährte doch alles nur damit, machte es nur dichter, dunkler und größer. Aber er schrie trotzdem weiter, schrie um sein Leben, schrie, bis seine Stimme erstarb. (S. 268)"Die Box ist eine Art Angstverstärker. Sie erkennt deine größte Angst und führt sie dir millionenfach verstärkt vor und lässt sie dich auffressen." (S. 299)Ich habe nur wenige Kritikpunkte und es sind welche, die ich dem Buch gerne verziehen habe: Es wirkte ehrlicherweise schon etwas konstruiert wie unglückliche äußere Umstände dazu beitragen, dass das Experiment nicht schon früher abgebrochen wird, obwohl sich bereits abzeichnet, dass die Lage langsam eskaliert. Allerdings wird es dadurch aber natürlich so richtig spannend und deshalb sehe ich da sehr gerne darüber hinweg. Ebenfalls ein bisschen zu weit hergeholt wirkte der Nebenhandlungsstrang rund um Dora und die überraschende Verbindung, die zwischen Dora und Tarek besteht. Das ging für mich aber in Ordnung, weil ich Dora mochte und weil sie für einige berührende, dramatische und emotionale Momente sorgt, die einem nahegehen. Dora hat den Geschehnissen eine entscheidende Wendung gegeben und vor allem hat sie Tarek zu dem verdienten Happy End verholfen. Ich fand die etwas ungewöhnliche Liebesgeschichte zwischen Tarek und Dora sehr berührend und richtig schön.Das Buch endet mit einem actionreichen und mitreißenden Showdown. Das Experiment eskaliert in erschreckender Weise und einige Versuchsperson verlieren völlig die Beherrschung. Die Ereignisse überstürzen sich fast schon etwas zu sehr, aber das macht das Ende gleichzeitig auch echt spannend.Übrigens ist auch den Film"Das Experiment"(2001) von Oliver Hirschbiegel sehr empfehlenswert, der sich sehr genau an die Buchvorlage hält und ihr alle Ehre macht.Fazit:Es handelt sich um einen unglaublich packenden Pageturner, den man kaum aus der Hand legen kann. Ich hatte das Buch in kürzester Zeit gelesen und fand es sehr mitreißend und beeindruckend. Es werden eine Menge Spannung und Drama geboten und der Showdown ist richtig fesselnd. Die in dem Buch geschilderte Eskalation des Experiments wirkt zwar etwas übertrieben, aber im Kern geht es um ernste und nachdenklich stimmende Themen, weshalb das Buch tiefgründiger ist als man erwarten würde.Zum Schluss noch ein paar besonders gute Zitate aus dem Buch:"Wovor hast du Angst?" Steinhoff schwieg. Dann sagte er: "Vor Schmerzen. [...] Letztendlich fürchten wir uns alle nur davor. Die Angst der Ängste. Warum fürchtet man sich vor Spinnen? Weil sie Schmerzen bringen können. Die Angst vorm Fliegen ist nur die Angst, abzustürzen und Schmerzen zu erleiden." (S. 236)"Der große russische Dichter Dostojewski kommentierte seine vierjährige Gefangenschaft in einem sibirischen Lager einst mit den Worten, dass diese Zeit in ihm einen tiefen Optimismus über die Zukunft des Menschen geweckt habe, denn wenn der Mensch den Horror eines Gefängnisses überlebe, dann müsse er ein Wesen sein, das wirklich alles ertragen könne." (S. 288)"Sie waren krank!" sagte Dora. "Die Wärter waren alle krank." "Nein", sagte Tarek. "Die Situation war krank. Es war die Situation." (S. 344)