Die Schrecken der Sklaverei in Romanform gebracht. Überzeugen!
"James" von Percival Everett hat eine bestechende Grundidee: Die bekannte Geschichte von "Huckleberry Finn" wird aus der Perspektive des erwachsenen Sklaven Jim erzählt, der sich selbst James nennt. Aus der vermeintlich heiteren Abenteuergeschichte zweier Jungen wird ein ernstes Drama aus der Sicht eines versklavten Menschen. Ein krasser Perspektivwechsel!Was bei Mark Twain als Abenteuer erscheint, bekommt bei Everett eine völlig andere Bedeutung. James ist nicht länger eine Nebenfigur, sondern ein Mensch mit eigenen Gedanken, Ängsten, Hoffnungen und einer Geschichte. Dadurch sehen wir die bekannte Handlung mit anderen Augen.Über weite Strecken ist der Roman eine Art Roadmovie auf und entlang des Mississippi. Dabei begegnen James immer wieder neue Personen, die jeweils klar charakterisiert und höchst individuell gezeichnet sind. Gleichzeitig zeigt Everett die Lebenswirklichkeit versklavter Menschen ohne Beschönigung. Rassismus, Willkür, sexueller Missbrauch und nackte Brutalität gehören zum Alltag. Manche Szenen sind schwer zu ertragen - und gerade dadurch wird die Perversion des Sklavenwesens besonders deutlich.Ganz überzeugt hat mich der Roman dennoch nicht. Gerade zu Beginn hatte "James" für mich einige Längen. Die insgesamt rund 330 Seiten lesen sich zwar recht schnell, aber erst im weiteren Verlauf wurde die Geschichte für mich zunehmend interessanter und eindringlicher. Überragend fand ich das Buch nicht, dafür war mir die Erzählung an manchen Stellen zu wenig ausgewogen.Trotzdem ist "James" ein bemerkenswerter Roman. Die Idee, eine so bekannte Geschichte aus der Perspektive desjenigen zu erzählen, der bisher kaum eine eigene Stimme hatte, funktioniert. Percival Everett verändert damit nicht nur die Perspektive, sondern auch unseren Blick auf Mark Twains Geschichte und auf die Menschen, die in ihr bisher am Rand standen.Für mich ist "James" deshalb ein lesenswerter und durchaus wichtiger Roman - nicht zuletzt, weil er uns zwingt, eine vertraute Geschichte noch einmal neu zu betrachten.