Knapp daneben ist auch vorbei.
Moose Malloy ist ein Tier. Breit wie eine Schrankwand und mit dem Langmut einer Zündschnur walzt er am Bodyguard des "Florian's" vorbei zu Mister Montgomery. Jetzt hat der Bodyguard einen gebrochenen Kiefer und Mister Montgomery ein gebrochenes Genick. Wer Malloys Fragen nicht beantwortet, bekommt keine zweite Chance und die Frage war ja auch nicht anstößig: Wo ist Velma? Philip Marlowe wird auf den Fall angesetzt und sucht ebenfalls nach Velma, denn wo Velma ist, wird Moose Malloy bald sein. "Lebwohl mein Liebling" ist eine der, wenn nicht die beste Geschichte von Raymond Chandler. Sein lakonischer Tonfall, die originellen Metaphern und coolen Dialoge waren stilprägend für den Underdog-Krimi der 30er- und 40er-Jahre und noch heute gibt es Schriftsteller wie Thomas Pynchon, die diesen Stil erfolgreich pflegen. Und damit komme ich zum Punkt: Chandler ist Stil! Eine Übersetzung muss also in der Lage sein, diesen Stil in die deutsche Sprache zu übertragen und übertragen heißt nicht, jedes Wort "richtig" zu übersetzen, sondern "stilistisch richtig" zu übersetzen. Und in diesem Punkt ist die Fassung von Melanie Walz aus meiner Sicht nicht gut. Ich gebe ein paar Beispiele gleich von den ersten Seiten, bei denen mir beim Lesen irgendetwas sprachlich "unrichtig" vorkam, ohne dass ich sofort sagen konnte, woran es lag. Also habe ich mir das gemeinfreie englische Original angesehen und direkt verglichen. Und jetzt weiß ich, warum mir Melanie Walz' Fassung stellenweise so blutleer vorkam: Die Worte sind zwar "richtig", aber aus der falschen Sprachkategorie gewählt.Beispiel: Im Original heißt es "...I might have thought he was going to pull a stick-up.¿ Walz übersetzt: "...hätte ich vielleicht gedacht, er wolle den Laden ausrauben.""To pull a stick-up" ist aber ein umgangssprachliches Idiom, so dass die einigermaßen korrekte Sprachkategorie wäre: "...hätte ich vielleicht gedacht, er wolle den Laden hochnehmen." Eine interessante Beobachtung ist übrigens, dass DeepL die Passage genauso übersetzt wie Melanie Walz.Noch ein Beispiel: Im Original heißt es "[he] made a high keening noise like a cornered rat."Walz: "[er] quiekte schrill wie eine Ratte in der Falle."Das Bild, das Chandler vermitteln will, ist aber ein anderes. Korrekt wäre "..wie eine in die Enge getriebene Ratte." Das ist viel bildhafter, spannender und der Satz klingt dann auch sprachmelodisch eleganter. Dieses unbestimmte Gefühl, dass die Übersetzung am wahren Chandler vorbeigeht, hatte ich permanent. Immer wieder waren es holprige oder unscharfe Bilder, zu glatt für Chandler, zu wenig "Unterschicht" die Sprache, zu wenig Coolness im Subtext. Harry Rowohlt war einer der Übersetzer, die es schafften, den Stil eines Autors (der seine Wellenlänge hatte) so ins Deutsche zu übertragen, dass es sowohl elegant klang, als auch originell blieb. Aus meiner Sicht schafft Melanie Walz diesen Schritt leider nicht. Knapp daneben ist eben auch vorbei.