Lest selbst! ¿Witches, Bitches, It-Girls¿ hilft Muster zu erkennen und ihre Wiederholungen. Und macht zudem wirklich Spaß.
Dieses Buch hatte ich vorbestellt und nun doch etwas gebraucht, um es zu lesen. Ich glaube, ich hatte Angst, dass ich bei der Lektüre so wütend werden würde über die Sachen, die Endler hier erzählt. Und ja, ich wurde wütend, aber gleichzeitig unterhält Endlers pointierter Humor hervorragend. Und: Bei der Lektüre fühlt ihr euch als Feminist*innen und als Menschen, die sich nach Gerechtigkeit sehnen, nicht alleine. Und das tut soooo gut.Wie schon Endlers erstes Buch "Das Patriarchat der Dinge" liefert sie wieder unzählige, grandios recherchierte und dargestellte Fakten. Wie wurden und werden Frauen und queere Menschen dargestellt, vorgeführt, sexualisiert, herabgewürdigt, etc.. Kanonisierung bzw. fehlende Kanonisierung ist oftmals das Mittel der Wahl. Die Wrestlerin Chyna zeigt auf ganz tragische Weise und dennoch idealtypisch, wie Frauen Geld und Ruhm verwehrt werden. Bigott und letztlich perfide wurden bei Chyna unterschiedliche Maßstäbe an Männer und FLINTAs angewendet. Gleichzeitig führte die Nichterfüllung vermeintlicher Geschlechternormen zu gesellschaftlicher Stigmatisierung führen.Dazu denkt Endler Feminismus immer intersektional, das beginnt schon beim Vorwort, das einen Publikumskommentar bei einer Lesung zu der angeblichen Verdrängung von Frauen durch trans Frauen zum Einstieg nimmt. In "Witches, Bitches, It-Girls" erzählt Endler noch häufiger von ihren persönlichen Erfahrungen, entweder in kleinen Episoden oder ihrer klareren Haltung. Dabei gelingt ihr die Kunst, von ihrem persönlichen Erfahrungen auf die allgemein gültige Ebene zu verweisen und umgekehrt. Ihr beißender und doch leichter, beschwingter Humor ließ mich immer wieder laut auflachen. So lassen sich die historischen "WTF???"-Momente ebenso gut ertragen, wie der Backlash, den aufmerksame Menschen nicht nur täglich mit Manosphere, Trump und Tradwives erleben, sondern der selbstverständlich im Buch thematisiert wird. Popkultur schildert Endler als Trägerin und Katalysator von misogynen Vorstellungen, ob das nun ein Film wie "Miller's Girl" ist oder die Leidensgeschichte von Britney Spears, die ihr Vater ohne die Haltung der Öffentlichkeit vermutlich nicht hätte entmündigen können. Endler hinterfragt dazu tradierte Vorstellungen, wie dass Hebammen die Hauptopfergruppe der Hexenverfolgungen gewesen sein sollen. Dass hier höchstwahrscheinlich weibliche Unternehmerinnen aus dem Markt gedrängt wurden, ist eigentlich nochmal fieser.Ich kann diese Fülle an Beispielen in der Kürze nicht annähernd so gut schildern, wie Endlers in ihrem tollen Buch. Darum lest es! Ich selbst nehme mir fest vor, das Buch demnächst ein zweites Mal als Print zu lesen, damit ich mir die vielen Aspekte nochmal tiefer in mein Gedächtnis verankere, um sie bei den passenden Gelegenheiten zum Argumentieren benutzen kann.Jetzt beim ersten Mal hörte ich die Lesung der Autorin, der ich schon im Podcast mit Annika Brockschmidt "Feminist Shef-Control" total gerne zuhöre. Endler transportiert beim Lesen eine gelungene Mischung aus Schalk, Nüchternheit und Empörung. Die bitteren Stellen zeigen Einfühlung und Respekt. (Nur manchmal fiel mir auf, dass an einigen Stellen neu beim Lesen angesetzt wurde. Aber das ist Kritik auf ganz hohem Niveau.)Lest/hört selbst! "Witches, Bitches, It-Girls" hilft Muster zu erkennen und ihre Wiederholungen. Und macht zudem wirklich Spaß zu lesen. 5 von 5 Sternen.