Historisch spannend - literarisch unspannend
Robert Harris ist bekannt für seine Fähigkeit, historische Stoffe mit fiktiven Elementen zu verweben und dabei Romane zu schaffen, die sich lesen wie Thriller und dennoch geschichtliche Tiefe besitzen. "Abgrund" macht da keine Ausnahme - und doch bleibt das Buch hinter den Erwartungen zurück, die man an den Autor stellen darf.Im Mittelpunkt steht die liberale Regierung Herbert Henry Asquiths, die das Vereinigte Königreich in die turbulentesten Jahre seiner jüngeren Geschichte führte: den Ausbruch des Ersten Weltkriegs und dessen erste, verlustreiche Phase. Wem dieser Abschnitt britischer Geschichte bislang wenig geläufig war, dem öffnet Harris eine faszinierende Tür ins Innere der Macht. Das Kabinett Asquith, die innenpolitischen Spannungen, das zögernde Ringen um Krieg oder Frieden - all das wird mit dem gewohnten Handwerk des Autors lebendig und anschaulich geschildert. Aus historischer Sicht ist "Abgrund" zweifellos ein lohnenswertes Leseerlebnis.Doch Harris wählt als narrativen Anker eine Geschichte, die dieses Potenzial nicht vollständig auszuschöpfen vermag: die reale Affäre - ob platonisch oder intim bleibt offen - des amtierenden Premierministers mit der 35 Jahre jüngeren Venetia Stanley, rekonstruiert und ausgeschmückt anhand ihres teils überlieferten, teils fiktiven bzw. nachgestellten Briefwechsels. Was im historischen Kontext durchaus pikant anmutet - schließlich soll Asquith seiner Geliebten in leidenschaftlichen Briefen auch Staatsgeheimnisse anvertraut haben -, entfaltet als Romanhandlung überraschend wenig Zugkraft. Die Briefe geben dem Leser zwar Einblick in die Gefühlswelt eines Mannes an der Spitze eines Weltreichs, doch bleibt die Affäre seltsam distanziert, zu wenig greifbar in ihrer emotionalen Wirkung.Hinzu kommt die Einführung des fiktiven Charakters Detective Sergeant Paul Deemer, der die Ermittlungsebene des Romans bestreiten soll. Die Idee, über einen Spionage-Ermittlung zusätzliche Spannung zu erzeugen, ist verständlich - in der Ausführung jedoch bleibt auch dieser Handlungsstrang blass. Deemers Ermittlungsarbeit rund um den Briefwechsel fügt sich nicht organisch ins Gesamtgefüge ein und vermag den Leser weder als Krimiplot noch als historische Reflexion wirklich zu fesseln.So bleibt "Abgrund" ein zweischneidiges Leseerlebnis: Als historisches Panorama der Asquith-Ära und der Anfangsjahre des Großen Krieges ist der Roman durchaus empfehlenswert und zeugt einmal mehr von Harris' sorgfältiger Recherche und seinem Gespür für bedeutsame Stoffe. Als literarisches Werk hingegen fehlt ihm genau das, was dem Titel innewohnt - der Sog, die Tiefe, der Abgrund. Man liest ihn mit Interesse, aber selten mit Spannung.Für Geschichtsinteressierte ein solides, aufschlussreiches Buch. Für Leser, die einen typischen Harris-Pageturner erwarten, eine leichte Enttäuschung.