Ein Roman, ausgezeichnet mit dem Booker Prize 2024 und dem Hawthornden Prize 2024 - das weckt Erwartungen. Auch bei mir. "Umlaufbahnen" von Samantha Harvey verspricht zunächst eine ungewöhnliche literarische Perspektive: Die Geschichte begleitet sechs Weltraumfahrer*innen einen einzigen Tag auf einer Raumstation, während sie die Erde innerhalb von 24 Stunden sechzehn Mal umkreisen. Eine faszinierende Ausgangsidee, dachte ich. Endlich einmal ein Roman, der den Blick buchstäblich von außen auf unseren Planeten richtet.Allein - ich fand die Lektüre unfassbar langweilig und ermüdend. Statt erzählerischer Verdichtung begegnen einem schier endlose Aufzählungen der unter der Crew hinwegziehenden Landschaften: Russland, die Mongolei, China, wieder Ozeane, wieder Wüsten, wieder Gebirgsketten. Dazu die immer neuen Variationen von Licht- und Farbspielen während der zahlreichen Sonnenauf- und -untergänge. Poesie? Kam so nicht bei mir an. Sollte es Staunen über das Weltall erzeugen? Bei mir stellte sich vor allem Monotonie ein. Die Wiederholung der Erdumrundungen spiegelt sich in einer sprachlichen Kreisbewegung, die für mein Empfinden kaum Entwicklung kennt.Dabei hätte ich so gerne mehr erfahren - über das konkrete Leben an Bord der Raumstation, über die Routinen in der Schwerelosigkeit, über die Experimente, die dort durchgeführt werden. Vor allem aber über die Beziehungen der Crewmitglieder untereinander. Sechs Menschen aus unterschiedlichsten Kulturen auf engstem Raum, abgeschnitten von der Welt - welches erzählerische Potenzial! Doch vieles bleibt unscharf, in der Schwebe, angedeutet statt ausgearbeitet. Fast wirkt es, als mache die fehlende Gravitation im All auch eine solide literarische Prägnanz unmöglich. Alles driftet, nichts gewinnt wirklich Kontur.Vielleicht liegt es auch an mir. Mag sein, dass mir schlicht das Romantik-Gen fehlt. Auf einem Trip durch die saudische Wüstenlandschaft konnten sich meine drei Begleiter kaum sattsehen am nächtlichen Sternenhimmel. Ich hingegen hatte nach zehn Minuten "Stargazing" genug. Genau dieses Gefühl stellte sich auch hier ein: ein ästhetisches Dauerstaunen, das mich nicht trägt, sondern ermüdet. Vielleicht muss man vom Weltall zutiefst fasziniert sein, um diesen Roman zu lieben. Vielleicht muss man bereit sein, sich ganz der kontemplativen Betrachtung hinzugeben.Ich war es nicht.So sehr ich die literarische Ambition und die originelle Perspektive anerkenne - Umlaufbahnen hat mich nicht erreicht. Trotz seiner vielfach ausgezeichneten Qualität kann ich diesen Roman leider nicht empfehlen.